Ian De Toffoli erhält den Servais-Preis
Der Servais-Preis, einer der prestigeträchtigsten Literaturpreise Luxemburgs, wurde 2026 Ian De Toffoli für "Léa ou la théorie des systèmes complexes" verliehen. In seinem Werk verbinden sich Dokumentation und Fiktion, um die Geschichte einer amerikanischen Öldynastie bildhaft zu erzählen. Zudem geht es um Léa, eine fiktive Figur, die dem Klimawandel und dessen Ausläufern gegenübersteht.
Wenn Fiktion über die Realität Aufschluss gibt
In "Léa ou la théorie des systèmes complexes" erzählt Ian De Toffoli zwei sich ergänzende Geschichten. Zum einen geht es um Léa, eine junge Ökoaktivistin, die angesichts der Klimaänderungen langsam zu immer radikaleren Maßnahmen greift. Zum anderen wird im Buch der Aufstieg der Familie Koch an die Spitze eines Ölimperiums, das seinen Einfluss in der amerikanischen Politik spielen lässt, geschildert. Durch Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, von Luxemburg bis in die Vereinigten Staaten, wird in der Erzählung gezeigt, wie mächtige Systeme abdriften und unser Leben prägen können.
Mit starken narrativen und stilistischen Entscheidungen werden in dieser Erzählung Dokumentarfilm, Theater, Roman, Poesie und mündliche Erzählkunst verbunden. Durch die Recherchen des Autors zu Machtstrukturen in unseren kapitalistischen Gesellschaften und zu den Herausforderungen der politischen Ökologie entsteht ein starker und pointierter Text. Der Rhythmus, die Abfolge der Ereignisse und der Perspektivwechsel lassen den Leser schnell ins Zentrum der Schicksale eintauchen, die unausweichlich scheinen. Angesichts der Komplexität dieser Systeme lädt das Buch jedermann ein, ein aufmerksamer Beobachter zu werden, der sich von Empathie und kritischer Klarheit leiten lässt. Der Autor knüpft dementsprechend an eine alte literarische Tradition an, indem er Helden, die die Ambivalenz menschlicher Bestrebungen verkörpern, und unvereinbare Lebenswege inszeniert.
Ian De Toffoli, geboren 1981 in Luxemburg, entstammt einer italienisch-luxemburgischen Familie und ist Schriftsteller, Dramaturge und Forscher. Als Autor von Essays und zahlreichen prämierten Theaterstücken erforscht er gesellschaftliche und politische Themen und verbindet dabei Erzählung, Dokumentarfilm und Mythos. Seine Werke werden in mehreren europäischen Ländern aufgeführt, veröffentlicht und übersetzt. Er schreibt vorwiegend in französischer Sprache und ist seit der Spielzeit 2022/23 künstlerisches Mitglied der Theater der Stadt Luxemburg. Neben seiner Arbeit als Autor ist er Coleiter des Verlagshauses Hydre Editions und lehrt Literatur an der Universität Luxemburg.
3 Fragen an Ian De Toffoli
Was war Ihre Inspirationsquelle für das Buch?
Ich würde weniger von einer "Inspirationsquelle" als von einem "dringenden Anliegen" sprechen. Dank diverser Artikel im Guardian und LuxLeaks war ich auf die Existenz von Tochtergesellschaften des multinationalen Konzerns Koch Industries in Luxemburg aufmerksam geworden - ein weit verzweigtes Unternehmen, das für seine fehlenden ökologischen Skrupel und seine Einmischung in weltweite politische Angelegenheiten bekannt ist - und ich hatte Lust, die gesamte Geschichte dieses Unternehmens zu erzählen, vom Urgroßvater, der Ende des 19. Jahrhunderts den Atlantischen Ozean mit dem Schiff von den Niederlanden aus überquerte, bis in die heutige Zeit. Da das Theater auch ein Ort ist, der Raum für Überlegungen zu unseren modernen Gesellschaften bietet, habe ich bei dieser Gelegenheit eine militante Figur erfunden (sie verkörpert eher eine mythische Kraft als eine reale Person), deren Wut darüber, dass fossile Energien nicht aus unserem Leben gelöscht werden können, sie radikal werden lässt. Man sieht die Dringlichkeit dieses Texts also quasi jeden Tag, in den aktuellen Kriegen rund um die Ölthematik oder im demokratischen Zerfall, den wir tagtäglich stärker erleben, wo Interessen privater Gruppen häufig Vorrang vor dem Wohl des Menschen haben und wo politische Autoritäten entweder ohnmächtig sind oder mit diesen privaten Interessen konform gehen.
Was bedeutet der Preis für Sie persönlich?
Dieser Preis bedeutet vor allem zwei Dinge: erstens erfährt man eine gewisse Anerkennung für die Jahre der Arbeit, die das Schreiben eines Buchs bedarf, und zweitens erhält das Buch ein bisschen Visibilität, die ganz banal immer wichtig für seinen Absatz ist. Und das ist alles, was man als Schriftsteller erhoffen kann, nämlich dass die Bücher die Runde machen und ihre Leser finden.
Welche zukünftigen Projekte stehen bei Ihnen an oder arbeiten Sie bereits an einem nächsten Buch?
Im April 2027 wird die Premiere meines nächsten Theaterstücks in den Theatern der Stadt Luxemburg stattfinden. Eine Geschichte, die gotischen Roadtrip und dokumentiertes Theater verbindet, um die grausamen Ambitionen von Milliardären zu schildern, die die Welt in Aufruhr versetzen, um ihre verrückten Träume von der Langlebigkeit zu verwirklichen.
Wir danken Ian De Toffoli für dieses Interview.
Seit bereits 30 Jahren
Der von der gleichnamigen Stiftung vergebene Servais-Preis ist ein mit 7.500 € dotierter Literaturpreis, mit dem seit 1992 jedes Jahr in Luxemburg in Poesie oder Prosa veröffentlichte Werke, unabhängig von der Sprache, in der sie erscheinen, ausgezeichnet werden. Zu seinen Preisträgern zählen zahlreiche berühmte luxemburgische Schriftsteller wie Francis Kirps (2020), Elise Schmit (2019), Nico Helminger (2014 und 2018), Nora Wagener (2017), Ulrike Bail (2021) oder Jérôme Quiqueret (2023). Der Servais-Preis wird auf Vorschlag einer unabhängigen Jury vergeben.
Der Servais-Preis wurde am 24. Juni 2026 im Nationalen Literaturzentrum in Mersch verliehen.
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