Der Erste Weltkrieg Deutsche Besatzung und Staatskrise

1867 hatten die europäischen Mächte Luxemburg den Status eines unabhängigen und neutralen Staates zuerkannt. Als die deutschen Truppen 1914 in Luxemburg einfielen, stellte dies eine Verletzung dieser Neutralität dar. Am Ende des Konflikts fand sich das Land isoliert wieder und drohte, seine Unabhängigkeit zu verlieren.

Der Krieg bricht aus

Am 2. August 1914 marschierten deutsche Kolonnen in das Land ein und verletzten ganz klar seine Neutralität. Trotz der Proteste der Regierung und der Großherzogin Marie-Adélaïde besetzten die Deutschen alle strategisch wichtigen Punkte des Landes, darunter das Schienennetz. Dieses galt, genau wie die Eisen- und Stahlindustrie, für die deutsche Kriegsführung als unerlässlich.

Das deutsche Hauptquartier wurde in Esch an der Alzette eingerichtet, von wo aus die Eroberung der Festung von Longwy koordiniert wurde. Die Besatzung beschränkte sich jedoch auf das Militär, und die politischen Institutionen Luxemburgs blieben während des Krieges unangetastet.

Angesichts der Nachrichten von Massakern in Belgien rief die Regierung von Staatsminister Paul Eyschen die luxemburgischen Bevölkerung zur Ruhe auf und hielt an der strikten Neutralität gegenüber allen kriegsführenden Parteien fest. Aufgrund dieser Haltung warfen die Alliierten Luxemburg nach Ende der Kampfhandlungen Kollaboration vor.

Knappheit und Gewerkschaften

Während der Besetzung war die Lebensmittelversorgung das Hauptproblem für die Bevölkerung. Aufgrund der Kriegssituation war es nicht möglich, die unzureichende einheimische Produktion durch den Import von Lebensmitteln auszugleichen. Die Regierung führte die Rationierung ein und legte Höchstpreise fest, um die Inflation einzudämmen. Das Ergebnis waren ein florierender Schwarzmarkt und heftige Spannungen zwischen Stadt und Land.

Knappheit, Anstieg der Preise und schwindende Kaufkraft führten zu sozialen Konflikten. Der Unmut trieb die Arbeiter dazu, sich auf gewerkschaftlicher Ebene zu organisieren. Im September 1916 entstanden so die beiden ersten Stahl-Arbeitergewerkschaften, eine im "Minettebecken", in Esch/Alzette, die andere in der Hauptstadt. 1917 brach in der Eisenindustrie ein Streik aus, der von der deutschen Armee erbarmungslos niedergeschlagen wurde.

Foto luxemburgischer Legionäre, u.a. des Radfahrers François Faber
© Centre national de littérature (CNL)

Der Kampf gegen Deutschland

Schon von Kriegsbeginn an gab es auch jene, die sich den Alliierten anschlossen. So schlossen sich im Laufe des Krieges 3.000 Luxemburger den Reihen der französischen Fremdenlegion an, darunter François Faber, Tour-de-France-Sieger von 1909. Weitere Luxemburger ließen sich in ihrem Wohnsitzland einbürgern, um sich den regulären Truppen in Frankreich, Belgien, Kanada und den USA anzuschließen. Viele von Ihnen sollten ihr Zuhause nie wieder sehen.

Gleichzeitig wurde in Luxemburg ein britisches Spionagenetz gegründet, das bei der Niederlage der letzten großen deutschen Offensive im Jahr 1918 eine wichtige Rolle spielte.

Das Ende der Unabhängigkeit?

Nach Ende der Kampfhandlungen war das Land Luxemburg von schweren internen Streitigkeiten geprägt und lief Gefahr, seine Unabhängigkeit zu verlieren.

Großherzogin Marie-Adélaïde wurde von den sozialistischen und liberalen Parteien dafür kritisiert, dass sie Beziehungen zum Deutschen Kaiser Wilhelm II. gepflegt hatte. Auch ihre Günstlingswirtschaft mit der politischen Konservativen in der Vorkriegszeit kam auf den Tisch. Am 9. Januar 1919 kam es zu einer Revolte der Freiwilligenkompanie (der Luxemburger Armee) und ein Wohlfahrtsausschuss rief die Republik aus. Es bedurfte französischer Truppen, um die Mengen auseinanderzutreiben und die Verantwortlichen des Staatsstreichs festzunehmen.

Auf internationaler Ebene war die Luxemburger Regierung ebenfalls mit der feindseligen Einstellung gegenüber der Großherzogin konfrontiert. So führten Frankreich und Belgien geheime Verhandlungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt die Eingliederung des Großherzogtums in Belgien vorsahen.

Im Kreuzfeuer der luxemburgischen öffentlichen Meinung und der internationalen Machenschaften gefangen, beschließt Marie-Adélaïde, zugunsten ihrer jüngeren Schwester Charlotte abzudanken. Diese folgt ihr am 15. Januar 1919 auf den Thron.

Ein Referendum rettet das Land

Um die Krise abzuwenden, beschloss die luxemburgische Regierung die Abhaltung eines doppelten Referendums über die Staatsform (Monarchie oder Republik) und die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes nach dem Ende des Deutschen Zollvereins, der von Preußen dominierten Wirtschaftsunion, in der Luxemburg seit 1842 Mitglied war. Das Referendum hatte zwei Ziele: öffentlich den Unabhängigkeitswillen des luxemburgischen Volkes zu bekräftigen – ein Prinzip, das der US-Präsident Woodrow Wilson verfocht, – und die Legitimität der neuen Großherzogin zu stärken.

Dies war das erste Referendum in Luxemburg, an dem alle Luxemburger teilnahmen. Denn im Mai 1919 hatten Frauen erstmals das Wahlrecht erhalten. Eine breite Mehrheit sprach sich am 28. September für den Erhalt der Monarchie (80%) und für eine Wirtschaftsunion mit Frankreich (73%) aus. Frankreich lehnte jedoch ab und riet der Luxemburger Regierung, sich an Belgien zu wenden. Nach harten Verhandlungen wurde 1921 das Abkommen über die Belgisch-luxemburgische Wirtschaftsunion (UEBL) unterzeichnet.

Die UEBL besteht auch heute noch. Früher beschränkte sich die Zusammenarbeit nur auf die Bereiche Wirtschaft und Finanzen, doch 2004 wurde sie durch die Hinzufügung einer administrativen und politischen Zusammenarbeit noch vertieft.

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