Unternehmerische Ausbildung (II) Wenn aus Schulprojekten erfolgreiche Start-ups werden

Unternehmertum lernen, Unternehmergeist entwickeln, sich mit der Methode "learning by doing" auf die Zukunft vorbereiten, inspirieren, innovieren, etwas schaffen, ... So lauten die Slogans und Schlagwörter des unternehmerischen Ausbildungsprogramms der Vereinigung Jonk Entrepreneuren Luxembourg, das in zahlreichen Schulen bereits Teil des Stundenplans ist. Wir haben uns mit der Direktorin Stéphanie Damgé über die Programme und Werte unterhalten und stellen Ihnen vier Unternehmen vor, deren Erfolgsgeschichte in der Schule begann! 

SOVI Solutions S.à r.l.

© SOVI Assistive Technologies

SOVI Solutions S.à r.l. wurde 2019 von Alessio Weber und Gianluca Marinelli gegründet. Die Haupttätigkeit besteht in der Entwicklung von Programmen, mit denen sich Menschen mit besonderen Bedürfnissen, insbesondere auf Kommunikationsebene, im Alltag verständigen können. Talkii ist sowohl eine aus dem Google Playstore herunterladbare App, als auch ein maßgeschneidertes Kommunikationstool, das von den Mitarbeitern des Unternehmens vorkonfiguriert und vertrieben wird. Es werden auch Schulungen angeboten, um die Begleitpersonen des Anwenders mit der "alternativen und verbesserten Kommunikation" des Programms vertraut zu machen. Diese Schulungen sind unerlässlich, um die individuellen Bedürfnisse jedes Benutzers zu erkennen und sie anschließend an Talkii anzupassen.

Nach dem Sieg im nationalen Finale des Wettbewerbs "Young Enterprise Project" im Jahr 2018 haben sich die jungen Unternehmer zu zahlreichen anderen Wettbewerben für Start-ups angemeldet, insbesondere zum von Nyuko organisierten Wettbewerb Impuls sowie zu den von Luxinnovation und dem Ministerium für Wirtschaft organisierten Wettbewerben Fit 4 Start und StartupsVsCovid19. Heute zählt SOVI Solutions an die fünfzig Kunden auf nationaler Ebene und ist dabei, internationale Kooperationen zu entwickeln.

Die Einbeziehung von Talkii in den Schulen ist wichtig, erläutert Gianluca Marinelli. Personen mit Kommunikationsschwierigkeiten können jederzeit auf ihr Korrespondenztool zugreifen (Talkii Tab). Gleichzeitig ist es notwendig, die Lehrkräfte, Eltern oder sogar die Logopäden, die das entsprechende Tool mittels des Konfigurationstelefons (Talkii Superviseur) konfigurieren, gut zu schulen.

Aufgrund der in diesen letzten Jahren gewonnenen Erfahrung haben die Gründer von SOVI Solutions beschlossen, die Gewinner des Projekts "YEP" zu unterstützen und zu beraten, damit Letztere für das europäische Finale gut vorbereitet sind. Dies ermöglicht ihnen, etwaige Fragen zu antizipieren, die häufig von der Jury gestellt werden, und ihnen konkrete Tipps zu geben, die dabei helfen können, den Sieg beim Wettbewerb zu holen.

© SOVI Assistive Technologies

Gianluca Marinelli: "Die Zusammensetzung des Teams ist einer der entscheidendsten Punkte, wenn es um die Gründung eines Start-ups geht. Es ist wichtig, sowohl die eigenen Stärken (Soft Skills & Hard Skills) als auch diejenigen der Teammitglieder zu kennen. Der Beruf des Unternehmers entwickelt sich ständig weiter. Man muss für Veränderungen offen bleiben, sich ständig weiterbilden und verbessern und darf niemals denken, dass man sein Ziel erreicht hat. Ein Problem zu erkennen und darauf mit einem Produkt oder einer Dienstleistung zu reagieren, ist ein Erfolgsrezept. Jeder hatte sicherlich bereits einmal eine sehr gute Idee, aber das ist nur der Anfang! Für die Umsetzung des Konzepts zählen vor allem die Strategie und das tagtägliche Engagement."

Neon Marketing Technology

Neon Marketing Technology ist ein Hybridunternehmen, das Dienstleistungen in den Bereichen Marketing und Kommunikation mit den jüngsten technologischen Entwicklungen kombiniert. Das Unternehmen beruht auf drei Eckpfeilern: einer Kommunikations- und Medienberatungsagentur, einer Online-Marketing-Toolbox und einer E-Learning-Plattform.

Das Ökosystem von Neon hat nicht mehr viel mit dem ehemaligen Miniunternehmen gemein, in das sich Michel Strotz während seiner Zeit am Gymnasium eingebracht hatte. Er war Geschäftsführer des Miniunternehmens StyFly, einer klassischen Werbeagentur, die Visitenkarten, Flyer und andere Druckwaren herstellte. Heute ist er vom gesamten Team der Einzige, der noch im Kommunikationsbereich tätig ist und welcher sich seitdem erheblich weiterentwickelt hat: vor 12 Jahren existierte das digitale Marketing fast nicht, und der Begriff "soziales Netzwerk" kam damals erst auf. 

© neon marketing technology

Durch das Miniunternehmen hat er viel über den Kreativmarkt, die Kundenforderungen im Bereich der Kommunikation und die verschiedenen Impulse in einem Team gelernt. Er konnte Fachkompetenzen erwerben, die ihm noch heute nützlich sind. Mit dem gewonnenen Selbstvertrauen war der Jungunternehmer davon überzeugt, egal welche Kreativgesellschaft erfolgreich gründen zu können. Ein Informatikstudium rundete sein Gesamtpaket an Qualifikationen ab. Er programmierte seine eigenen sozialen Netzwerke, indem er mit Programmen wie Depixit, einer Plattform für die Umwandlung und Verschlüsselung von Bildern in Pixelgitter, oder Nightler, einer Anwendung für Nachtschwärmer und Reisende, experimentierte. Die Zielsetzung war klar: ein neues Unternehmen gründen, was schlussendlich 2018 gemeinsam mit Karim Youssef, Mitgründer, realisiert wurde.

Heute unterstützt Michel Strotz die Jonk Entrepreneuren mit einem Angebot an Fortbildungen und einer zusätzlichen Hilfestellung für junge Leute in Form eines Sponsorings oder anderer Bildungsgeschenke. Für ihn war das Programm zum Thema Miniunternehmen eine der wichtigsten Erfahrungen in seiner Schullaufbahn. Es erscheint ihm sehr wichtig, jungen Leuten zusätzlich zur klassischen Ausbildung praktische Erfahrungen anzubieten

© neon marketing technology

Michel Strotz: "Insbesondere wenn man jung und ambitioniert, jedoch unerfahren ist, läuft man Gefahr, von seinem näheren Umfeld schlecht unterstützt zu werden. In dieser Zeit ist es meiner Ansicht nach äußerst wichtig, nicht zu sehr auf seine Eltern, Lehrer oder Freunde zu hören, die selbst nicht den Mut oder die Motivation hatten, sich selbstständig zu machen. Wenn jemand eine gute Idee hat oder motiviert ist, etwas zu tun, sind die Jugend und die Zeit an der Universität die besten und manchmal einzigen Gelegenheiten, um loszulegen und grundlegende Erfahrungen für die eigene Weiterentwicklung zu sammeln."

Brainplug

Brainplug ist eine Kommunikationsagentur in Colmar-Berg. Michel Logeling gründete das Unternehmen mit seinem Freund Jérôme Houdremont im Februar 2018. Die Agentur bietet hauptsächlich Dienstleistungen im Bereich der Erstellung von Inhalten für digitale Medien an. In der digitalen Welt helfen die angebotenen Dienstleistungen den Kunden von Brainplug, ihren eigenen Kunden näherzukommen. Diese Nähe wird geschaffen, indem Empathie und menschliches Verhalten in den Mittelpunkt der strategischen Forschungen des Marketings gestellt werden.

Michel Logeling machte seine ersten Erfahrungen im Unternehmertum im Alter von 17 Jahren im Gymnasium im Rahmen des Kurses zum Thema Miniunternehmen, der von der Vereinigung Jonk Entrepreneuren Luxembourg angeboten wurde. Das Team, eine Gesellschaft aus 13 Schülern, entwickelte ein Kartenspiel, um "Konter a Matt" zu spielen, ein traditioneller luxemburgischer Zeitvertreib. Das Ziel bestand darin, diese Tradition in Luxemburg, vor allem bei den jüngeren Generationen, wieder aufleben zu lassen. Mit ihrem Produkt überzeugten die Jungunternehmer die Jury und gewannen den ersten Preis des nationalen Wettbewerbs der Miniunternehmen.

Dieses Programm hat sie letztendlich auf den Geschmack des Unternehmertums gebracht. Michel Logeling hat dabei seine Leidenschaft für Kommunikation und die Erstellung audiovisueller Inhalte entdeckt. Während seines Hochschulstudiums in Straßburg gründete er eine Marketingagentur, in der er noch heute arbeitet: Brainplug!

Michel Logeling
© Brainplug

Für ihn liegt der Pluspunkt des Bildungsprojekts vor allem in seiner Greifbarkeit. Es war sicherlich der erste Kurs am Gymnasium, in dem er sich kreativ entfalten konnte und der ihn ein konkretes Ergebnis seiner Arbeit hat sehen lassen. Danach pflegen diese Programme im Gegensatz zu zahlreichen anderen Kursen Kompetenzen wie Teamarbeit, Kreativität und Problemlösung. Als Mitglied der Alumni versucht er, mit der Vereinigung in Kontakt zu bleiben und sich so regelmäßig wie möglich entweder als Coach oder Referent in den Klassen in ihre Programme einzubringen

Michel Logeling: "Die Entwicklung der Schülerprojekte ist eine große Freude. Ich kann nur jedem Schüler raten, an den von Jonk Entrepreneuren angebotenen Programmen Interesse zu zeigen und daran teilzunehmen. Entscheidend ist, von der Gelegenheit, eigene Ideen zu realisieren und ein Projekt mit einem sichtbaren Ergebnis zu schaffen, zu profitieren. Man gewinnt dabei enorm an Erfahrungen und Kompetenzen, die man im normalen Unterricht nicht erlernt. 

FrëschKëscht

Das Abenteuer FrëschKëscht begann 2019, als sieben Schüler ein Miniunternehmen im Rahmen des Programms der Jonk Entrepreneuren gegründet haben, dessen Ziel darin bestand, etwas für die Umwelt und die lokale Wirtschaft zu tun. Zwecks Umsetzung des Projekts haben sie beschlossen, mit zu 100% aus Luxemburg stammendem, saisonalem Obst, Gemüse und anderen Leckereien gefüllte Kisten zu verkaufen. Die Kunden haben die Möglichkeit, ihre FrëschKëscht jede Woche in Steinsel abzuholen oder sich nach Hause liefern zu lassen.

Im Juli 2020 erhielt die kleine Gesellschaft die Auszeichnung bestes Miniunternehmen des Jahres, und ihre Gründer war mit der Fortführung des Betriebs sofort einverstanden. Sie beschlossen somit, das Schulprojekt in ein unabhängiges Unternehmen umzuwandeln. Seitdem verkaufen sie weiterhin ihre sorgfältig gepackten Kisten und entwickeln ihre Handelstätigkeit weiter. Parallel dazu setzen sie ihr Studium fort.

Gaïa Costadura, Mitgründerin und Leiterin der Marketingabteilung, vertritt die Ansicht, dass der Pluspunkt des Projekts für Miniunternehmen in erster Linie die Umsetzung der Theorie in die Praxis ist. Im Gymnasium erlernen die Schüler das Konzept der Wirtschaft, aber mit dem Miniunternehmen können sie die Welt des Unternehmertums aus praktischer und experimenteller Sicht entdecken. Durch das Projekt hat sie ebenfalls gelernt, einerseits ihre Komfortzone zu verlassen, und andererseits sich bewusst zu werden, dass alle Träume wahr werden können, wenn man hart genug arbeitet und wirklich daran glaubt. Um ihre Erfahrung an zukünftige Jungunternehmer weiterzugeben, bleibt sie mit der Vereinigung der Jonk Entrepreneuren in Kontakt. Beispielsweise wurden Ivo Silva und Gaïa Costadura während der Preisverleihung im Rahmen des Finales der Miniunternehmen 2021 auf die Bühne gebeten, um ihre Erfahrung zu schildern.

© FrëschKëscht

Gaïa Costadura: "Ich kann nur wärmstens empfehlen, sich selbst zu sein, seinen Überzeugungen zu folgen und vor allem an sich zu glauben! Wenn man mir vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich mit 18 Jahren mein eigenes Unternehmen mit vier anderen jungen Leuten gründen würde, hätte ich dies nie geglaubt. Aber trotzdem bin ich hier! Meiner Meinung nach steckt in jedem von uns so viel Potenzial, dass man keine Angst davor haben sollte, es auch zu nutzen. Also, legt los und glaubt an euch!"