Mikrofinanzierung: Kleine Summe, große Wirkung Bereits seit 20 Jahren engagiert sich Luxemburg im Bereich der Mikrofinanzierung.

In den meisten Schwellenländern ist der Zugang zu Bankdienstleistungen schwierig, was ein großes Hindernis für die Entwicklung darstellt. Die Mikrofinanzierung gilt als eine der wichtigsten Lösungen für dieses Problem.

In den Schwellenländern den Teufelskreis der Armut zur durchbrechen, ist die Hauptaufgabe der luxemburgischen Entwicklungszusammenarbeit. In sieben Ländern - Burkina Faso, Cabo Verde, Laos, Mali, Nicaragua, Niger, Senegal, - verfolgt das Großherzogtum dieses Ziel und bemüht sich um Solidarität durch Förderung.

420,8 Millionen Euro - das entspricht 1,04% des Bruttonationaleinkommens (BNE) - wurden 2019 eingesetzt, um die wirtschaftliche, gesellschaftliche (Erziehung, Bildung, Gesundheit) und ökologische Entwicklung dieser Partnerländer zu unterstützen und sich dabei an ihre besonderen Situationen und Bedürfnisse anzupassen.  

Ein günstiges Ökosystem für das Wachstum des Sektors

Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich die Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der Mikrofinanzierung, die in dieser Zeit eine einzigartige Entwicklung durchgemacht hat.   

Im Lauf der Jahre wurde Luxemburg sogar zu einem unumgänglichen globalen Drehkreuz für diesen Sektor, da sich das Land für die Schaffung von Inclusive Finance eingesetzt und günstige Bedingungen für das Aufkommen der Mikrofinanzierung geschaffen hat. Heute ist fast ein Drittel der Mikrofinanzierungsinstrumente (MIV) im Großherzogtum angesiedelt, was mehr als 50% der weltweit vom Sektor verwalteten Aktiva ausmacht. Bemerkenswert ist auch, dass etwa 60% der Mikrokredite über Luxemburg laufen.

Gleichzeitig mit dem Wachstum der Inclusive Finance entstand auch eine ganze Reihe an Akteuren in diesem Ökosystem. Es wurden internationale Zusammenarbeiten geschmiedet, Institutionen und NGOs wurden zahlreicher, Investmentfonds mit Mikrofinanzierung, die das Label LuxFlag Microfinance tragen, wurden entwickelt, und heutzutage werden über den Lehrstuhl für Mikrofinanzierung sogar akademische Ausbildungen angeboten. 

Die luxemburgische Zusammenarbeit erstreckt sich auf den Bereich der Grundbildung und unterstützt Initiativen wie das Projekt der NGDO Guiden a Scouten fir eng Welt an der Schule Madina 3 in Niamey (Niger).
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Im Jahr 1996 wurde Burkina Faso als Partnerland für die bilaterale Zusammenarbeit Luxemburgs ausgewählt.
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Mikrofinanzierung unterstützt die Schwächsten

Mikrofinanzierung bringt das Geld dorthin, wo es keines gibt. Ursprünglich wurden Mikrokredite vor allem in der Form kleiner Darlehen an Kleinstunternehmer oder Handwerker vergeben. Heute nutzt die Mikrofinanzierung oder Inclusive Finance auch Haushalten, die nur knapp der Armutsgrenze entgehen. Dank ihr können Menschen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen erhalten, wie Kredite, Sparen, Geldüberweisungen und Versicherungen. Das Ziel ist, Ihnen die Möglichkeit zu bieten, Zukunftspläne zu schmieden, sich vor den Risiken des täglichen Lebens zu schützen oder ihre Selbstständigkeit zu stärken.

Im Rahmen der luxemburgischen Unterstützung sind die Finanzierungsprogramme vor allem auf Frauen und junge Unternehmer in ländlichen Gebieten ausgerichtet. Doch die Inclusive Finance, eine der Säulen der allgemeinen Strategie Luxemburgs En route pour 2030, zielt auch auf die Entwicklung von Finanzierungs- und Versicherungstools in der Landwirtschaft sowie im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung ab. 

Wichtige Aspekte der Mikrofinanzierung

  • Der bangladeschische Ökonom Muhammad Yunus entwickelte in den 1980er Jahren als Erster Mikrokredite in Bangladesch. 
  • Muhammad Yunus und seine Grameen Bank erhielten 2006 den Friedensnobelpreis als Anerkennung für Ihre Bemühungen um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Grund auf.
  • Die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele wurden 2015 von allen Mitgliedsstaaten der Organisation der Vereinten Nationen im Rahmen des nachhaltigen Entwicklungsprogramms bis 2030 angenommen.
  • Die Weltbank schätzt, dass ganze 1,7 Milliarden Erwachsene weltweit vom Banksystem ausgeschlossen sind.
Drei Bäuerinnen präsentieren das Gemüse von Tiné Ndoye im Senegal. Sie sind Empfänger von Mikrokrediten, um ihren Gemüseanbau zu finanzieren. Weltweit sind 1,7 Milliarden Erwachsene vom Bankensystem ausgeschlossen.
© SIP/Charles Caratini
2008 empfing der Minister für Zusammenarbeit und humanitäre Maßnahmen, Jean-Louis Schiltz, Muhammad Yunis, Friedensnobelpreisträger 2006, Gründer der Grammeen Bank und Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch.
@SIP/Zineb Ruppert

Die Banker der Armen

Im Kielwasser des starken Wachstums des Mikrofinanzierungssektors in Luxemburg seit bereits mehr als 20 Jahren sind zahlreiche NGOs und Institutionen entstanden. Die luxemburgische NGO ADA (Appui au Développement Autonome, Hilfe für die autonome Entwicklung), gegründet 1994, steht seit 2007 unter der Schirmherrschaft der Großherzogin Maria Teresa. Sehr schnell gelang es der NGO, die Dynamik des Finanzplatzes mit der Entwicklungszusammenarbeit zu verbinden. Mit dem Ziel, zum Zugpferd des Sektors zu werden, ist sie heute ein unumgänglicher Akteur in Sachen Mikrofinanzierung in Luxemburg. Die in etwa fünfzig Ländern aktive NGO feierte 2019 ihr 25-jähriges Bestehen.    

ADA und mehrere weitere Akteure und Institutionen der Mikrofinanzierung und der Inclusive Finance sind im Haus der Mikrofinanzierung (Maison de la Microfinance) untergebracht: die europäische Plattform der Mikrofinanzierung (e-MFP), das luxemburgische Netzwerk der Inclusive Finance (InFine.lu), der Luxembourg Microfinance and Development Fund (LMDF), das Microinsurance Network (MiN) und Microlux. Letztere ist die erste Institution, die als Aktiengesellschaft gegründet wurde. Microlux hat die finanzielle Ausgrenzung in Luxemburg im Blick und vergibt Mikrokredite von bis zu 25.000 Euro.

European Microfinance Award

Der seit 2005 vergebene European Microfinance Award zeichnet innovative Projekte der Inclusive Finance aus und verfolgt zwei Ziele: Exzellenz auszuzeichnen und die relevantesten Praktiken in Hinblick auf eine Anwendung durch andere zu erfassen.

Dieser mit 100.000 Euro dotierte Exzellenzpreis ging 2020 an die Muktinath Bikas Bank Ltd. Die führende Nationale Entwicklungsbank in Nepal dient einkommensschwachen Haushalten und Frauen in ländlichen Gebieten und hat eine eigene Abteilung für diese Zielgruppe.

Der stellvertretende CEO/Chef der small und micro banking Division der Muktinath Bikas Bank Ltd, Govinda Bahadur Raut, verfügt über 24 Jahre Erfahrung im Mikrofinanz- und Entwicklungssektor.
© Muktinath Bikas Bank
Die Bank bedient einkommensschwache Haushalte und Frauen in ländlichen Gegenden.
© Muktinath Bikas Bank

3 Fragen an ...

Govinda Bahadur Raut, stellvertretender CEO/Chef der small und micro banking Division der Muktinath Bikas Bank

1. Sie haben den European Microfinancing Award 2020 erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Seit ihrer Gründung handelt unsere Organisation nach dem Motto ''जनता बैंकमा होइन, बैंक जनतामा जानु पर्दछ'', d.h. nicht die Menschen kommen zur Bank, sondern die Bank sollte zu ihnen kommen. Die Muktinath Bikas Bank war bei ihrer Gründung eine Ausnahme, die das Mikrofinanzierungsmodell anwendete, um die unteren Schichten der Bevölkerung als traditionelle Bank zu erreichen. Der Bankvorstand engagierte sich dafür, die Armen zu fördern, um sie das Finanzökosystem zu integrieren. Allerdings war die fortlaufende Bereitstellung dieser Dienstleistungen kostspielig. Die Bank ließ sich von ihrem gesellschaftlichen Auftrag leiten, um wirkungsvolle Finanzdienstleistungen bereitzustellen. Die Bank hatte klare Vorstellungen in Bezug auf wirkungsvolle Bankgeschäfte, was ohne ein Erreichen der ländlichen und sozial benachteiligten Bevölkerung nicht möglich war. Wir Banker können nicht aus der Menge der gewöhnlichen Banker herausragen, wenn wir nicht durch verschiedene Dienstleistungen den Lebensstandard der Menschen anheben. Diese Auszeichnung war eine Bestätigung unserer Beharrlichkeit und unseres Engagements für unseren Grundsatz und hat uns ermutigt, weiterhin unseren Kunden/Mitgliedern zu dienen. 

2. Mit dem Preis erhalten Sie auch 100.000 Euro, das ist in der Welt der Mikrofinanzierung viel Geld. Wie werden Sie dieses Geld investieren?

COVID-19 hat uns allen einen Spiegel vorgehalten. Es zeigt, wie wichtig digitale Infrastrukturen in Pandemiezeiten sind. Derzeit ist die Telekommunikation landesweit verfügbar und die meisten Menschen tragen Mobiltelefone bei sich und nutzen 3G- oder 4G-Dienste. Das heißt, wenn wir per Mobiltelefon mit ihnen kommunizieren und Dienstleistungen bereitstellen können, wird es ein Leichtes, potenzielle Kunden in die Bank aufzunehmen. Zudem können wir die Anreisezeit der Menschen bis zur Bank, um verschiedene Bankdienstleistungen zu nutzen, verkürzen. Doch die Bank hat bereits eine Plattform der ersten Stufe des Online-Bankings entwickelt, für die aber noch viele Anpassungen erforderlich sind, damit sie auch für Menschen in ländlichen Gebieten, die nicht lesen und schreiben können, einfach zu bedienen sind. Mit dem Geld von dieser Auszeichnung wird die Bank daher an ihrer digitalen Infrastruktur arbeiten und insbesondere SMS-Services, mobiles Banking, QR-Zahlungssysteme, Online-Banking, finanzielle und digitale Bildung sowie ihr Kreditscoring verbessern, wobei sie stets die ländliche Bevölkerung im Blick behält. 

3. Wie wird das Gewinnen des Microfinance Award Ihre Arbeit in Zukunft beeinflussen?

Die Auszeichnung bot uns eine Plattform, um der ganzen Welt unsere Arbeit zu präsentieren. Dafür wird die MNBBL dem European Microfinance Award für immer dankbar sein. Diese Auszeichnung verschaffte uns nicht nur Anerkennung, sondern auch die Verantwortung, in Zukunft noch bessere Arbeit für unsere Kunden/Mitglieder zu leisten. In Zukunft werden wir unsere Präsenz in Nepal stärken, indem wir mehr Servicestellen und neue Niederlassungen an Orten, an denen den Menschen der Zugang zum Finanzsektor fehlt (wie der westlichen Provinz Sudurpashchim), eröffnen. Wir werden eine Partnerschaft mit anderen EGI-Organisationen (die an Effizienz, Wachstum und Wirkung arbeiten) eingehen. Wir haben bereits erste Besichtigungen in verschiedenen Landesteilen von Nepal unternommen, um Orte für neue Niederlassungen zu finden, und das Genehmigungsverfahren mit unserer Zentralbank hat gute Aussichten. Zudem treffen wir uns ständig mit verschiedenen Organisationen, die für die ländliche Bevölkerung und Kleinbauern arbeiten. Daher hat der Microfinance Award unsere Arbeit befeuert und uns mehr Energie verliehen. Er ist wichtig, damit die Menschen unser Bankmodell verstehen.