Der Finanzplatz im Zeichen der Digitalisierung
Finanzplätze waren schon immer mit Krisen und Umbrüchen konfrontiert. Diese Instabilität zeigte sich insbesondere in den letzten Jahrzehnten, in denen die Weltwirtschaft von mehreren schweren Krisen geprägt war, darunter Ölkrisen, Börsencrashs und die weltweite Finanzkrise zu Beginn der 2000er Jahre. Heute beginnt ein neues Kapitel: Digitale Innovationen stellen die Finanzzentren vor neue Herausforderungen.
Auch der Finanzplatz Luxemburg ist von diesen Veränderungen im Zusammenhang mit digitalen Innovationen betroffen. Als Pfeiler der nationalen Wirtschaft verwaltet er über in Luxemburg ansässige Investmentfonds fast 7.770 Milliarden Euro, während der Bankensektor über Vermögenswerte in Höhe von rund 1.000 Milliarden Euro verfügt. Er macht fast ein Drittel des BIP aus und trägt zu mehr als 20 % der Steuereinnahmen bei. Er beschäftigt mehr als 26.000 Menschen und umfasst mehr als 120 Banken auf dem Staatsgebiet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Großherzogtum seinen Wohlstand einem dynamischen und soliden Finanzsektor verdankt, was von der Handelskammer in ihrem Wirtschaftsbarometer für das zweite Halbjahr 2025 bestätigt wird. Laut dieser Umfrage geben 89 % der Unternehmen des Finanzplatzes an, dass sie zuversichtlich in die Zukunft des Sektors blicken.
Diese Solidität bedeutet jedoch nicht, dass sich der Sektor auf seinen Errungenschaften ausruhen kann, denn die Herausforderungen der Zukunft sind groß. Digitale Innovationen – wie Bitcoin, der digitale Euro und vollständig digitale Banken – stellen den Finanzplatz vor neue Herausforderungen.
In einem Interview erklärt Jerry Grbic, Generaldirektor (CEO) der Association des banques et banquiers, Luxembourg (ABBL), wie Luxemburg seine Position in diesem sich schnell entwickelnden Sektor stärkt.
1. Sehen Sie Kryptowährungen als Chance, als Risiko oder als beides für den Finanzplatz Luxemburg?
Für die ABBL stellt sich die Frage nicht in Bezug auf „Pro” oder „Kontra” Kryptowährungen, da diese gekommen sind, um zu bleiben. Die Herausforderung besteht vor allem darin, die neue Entwicklung so zu kanalisieren, dass sie der Realwirtschaft, den Unternehmen und den Bürgern dient und gleichzeitig die Stabilität und den Ruf des Finanzplatzes Luxemburg schützt.
Kryptowährungen stellen eindeutig sowohl eine Chance als auch ein Risiko dar. Einerseits bieten die zugrunde liegenden Technologien wie Blockchain oder Token neue Perspektiven, insbesondere in Bezug auf die Effizienz von Zahlungen, neue Finanzanwendungen und die internationale Attraktivität Luxemburgs in einem harmonisierten europäischen Rahmen. Andererseits sind diese Innovationen mit sehr realen Risiken verbunden, insbesondere für Investoren, aber auch in Bezug auf Finanzkriminalität und Reputation. Diese beiden letzten Punkte sind für einen offenen internationalen Finanzplatz wie den unseren äußerst wichtig.
Aus diesem Grund ist ein klarer und verhältnismäßiger Rechtsrahmen, wie ihn MiCA (Anmerkung der Redaktion: Markets in Crypto-Assets ist eine europäische Verordnung, die darauf abzielt, digitale Vermögenswerte (Kryptowährungen usw.) innerhalb der Europäischen Union zu regulieren) bietet, unerlässlich. Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass immer mehr Stablecoin-Emittenten eine Zulassung in diesem Land beantragen werden.
Generell wird die Zukunft des digitalen Geldes auf einem komplementären Ansatz zwischen digitalen Zentralbankwährungen, regulierten Zahlungslösungen und regulierten Verwendungszwecken von Kryptowährungen beruhen, wobei die Banken als Garanten für Vertrauen und Stabilität fungieren.
2. Welche Chancen bietet die Einführung des digitalen Euro für luxemburgische Banken?
Der digitale Euro ist eine wichtige Entwicklung für das europäische Finanzökosystem. Sein Ziel ist es, ein sicheres, zugängliches und an eine zunehmend digitale Wirtschaft angepasstes öffentliches Zahlungsmittel anzubieten. Dieses Ziel wird vom Bankensektor weitgehend geteilt, vorausgesetzt, dass das Projekt einen echten Mehrwert für Kunden und Wirtschaft bringt und in enger Zusammenarbeit mit privaten Akteuren konzipiert wird.
Für die luxemburgischen Banken ergeben sich daraus vielfältige Herausforderungen. Diese betreffen die Anpassung der Zahlungsinfrastrukturen, die Implementierungskosten, aber auch die Wahrung ihrer zentralen Rolle als Finanzintermediäre, insbesondere in Bezug auf Einlagen, die Finanzierung der Wirtschaft und das Vertrauensverhältnis zu den Kunden.
In diesem Sinne plädiert die ABBL für einen pragmatischen, verhältnismäßigen und kooperativen Ansatz, damit der digitale Euro die bestehenden Dienstleistungen – insbesondere die privaten europäischen Zahlungslösungen – ergänzt, Innovationen fördert und die Wettbewerbsfähigkeit Luxemburgs stärkt, ohne sein Bankenmodell zu schwächen.
Künstliche Intelligenz verändert den luxemburgischen Finanzsektor zunehmend, indem sie die betriebliche Effizienz, die Servicequalität, das Risikomanagement und die Rentabilität verbessert.
Jerry Grbic, Generaldirektor (CEO) der ABBL
(Verband der Banken und Bankiers, Luxemburg)
3. Sind digitale Banken wie Revolut, Wise oder N26 eine Konkurrenz für traditionelle Banken?
Wir beobachten den Aufstieg dieser Akteure mit Pragmatismus. Digitale Banken erfüllen sehr konkrete Erwartungen der Kunden in Bezug auf Einfachheit, Schnelligkeit und Benutzererfahrung und tragen dazu bei, Innovationen im Finanzsektor voranzutreiben. In dieser Hinsicht kann dieser Wettbewerb gesund und anregend sein.
Es ist jedoch wichtig, dass der Vergleich auf einer vergleichbaren Basis erfolgt. Traditionelle Banken übernehmen eine viel umfassendere Rolle, insbesondere bei der Finanzierung der Wirtschaft, dem Risikomanagement, dem Einlagenschutz und der Finanzstabilität. Das Prinzip „gleiche Tätigkeit, gleiche Risiken, gleiche Regeln” bleibt daher von grundlegender Bedeutung, insbesondere im Bereich der Compliance.
In Luxemburg investieren die Banken massiv in die digitale Transformation und bauen Partnerschaften mit Fintech-Unternehmen auf. Die Zukunft des Sektors beruht nicht auf einem Gegensatz zwischen den Modellen, sondern auf einer Koexistenz, die auf Innovation, Vertrauen und einem ausgewogenen regulatorischen Rahmen basiert. Außerdem schließt sich die Kluft zwischen den beiden Modellen zunehmend.
4. Welche Bedeutung hat FinTech für den luxemburgischen Finanzsektor?
FinTech ist ein wichtiger strategischer Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des luxemburgischen Finanzsektors. Durch die Einführung neuer Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglicht FinTech die Modernisierung von Finanzdienstleistungen, verbessert deren Effizienz und trägt dazu bei, den Erwartungen der Kunden besser gerecht zu werden. Luxemburg profitiert von einem dynamischen FinTech-Ökosystem, das durch klare regulatorische Rahmenbedingungen und eine starke internationale Ausrichtung unterstützt wird.
In diesem Zusammenhang spielt die ABBL eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen traditionellen Banken, FinTech-Unternehmen und Behörden. Das Ziel besteht nicht darin, Modelle gegeneinander auszuspielen, sondern Synergien, Partnerschaften und die Entwicklung konkreter Lösungen im Dienste der Realwirtschaft zu fördern. Durch die Förderung des Dialogs, des Austauschs von Fachwissen und kontrollierter Experimente tragen wir zum Aufbau eines innovativen, verantwortungsvollen und nachhaltigen Finanzwesens bei, in dem Technologie das Vertrauen stärkt, anstatt es zu ersetzen.
Der Erfolg von Initiativen wie unserem Bank CEOs meet fintechs speeddating zeigt die Bereitschaft beider Seiten zur Zusammenarbeit.
5. Wie verändert künstliche Intelligenz den Finanzsektor in Luxemburg?
Künstliche Intelligenz verändert den luxemburgischen Finanzsektor zunehmend, indem sie die betriebliche Effizienz, die Servicequalität, das Risikomanagement und die Rentabilität verbessert. Sie bietet bereits konkrete Anwendungsmöglichkeiten, sei es in den Bereichen Automatisierung, Betrugs- und Geldwäschebekämpfung, Optimierung der Compliance oder Personalisierung der Kundenbeziehung. Bei verantwortungsvoller Nutzung ist KI ein echter Wettbewerbsvorteil für den Finanzplatz.
Für die ABBL muss diese Transformation unbedingt in einem klaren, ethischen und sicheren Rahmen stattfinden. Der Verband begleitet seine Mitglieder bei der Einführung von KI, indem er den Austausch bewährter Praktiken, den Dialog mit den Behörden und die Vorwegnahme europäischer Rahmenbedingungen, insbesondere des AI Act, fördert. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass technologische Innovationen das Vertrauen stärken, die Kunden schützen und die Finanzierung der Realwirtschaft unterstützen.
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