Luxemburgisches industrielles Erbe im Großherzogtum... und in Brasilien (II) "A colônia luxemburguesa" präsentiert eine tropische Version des industriellen Südens Luxemburgs im Rahmen des Programms Remix Esch2022

Im Süden des Großherzogtums Luxemburg erstreckt sich das Land der Roten Erde (Terres rouges), von den Luxemburgern Minett genannt, dessen Name auf das leuchtende Erz zurückgeht, das den Grundstein für die Stahlindustrie in Luxemburg legte. Die Region offenbart ein großartiges industrielles Erbe, das nunmehr in diverse touristische und kulturelle Örtlichkeiten verwandelt wird. Im Rahmen des Programms Remix Esch2022 in Zusammenarbeit mit der Universität Luxemburg lernen wir ebenfalls das luxemburgische industrielle Erbe in Brasilien kennen: die mysteriöse colônia luxemburguesa João Monlevade.

Nach der (Wieder-)Entdeckung der Geschichte der nationalen Stahlindustrie, um die Neugestaltung symbolträchtiger Orte im Süden zu verstehen, präsentieren wir in diesem zweiten Artikel eine tropische Version des luxemburgischen industriellen Südens... in Brasilien!

A colônia luxemburguesa, der industrielle Süden Luxemburgs auf der anderen Seite des Atlantiks

Die Migration spielte eine Schlüsselrolle im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung des Großherzogtums während seiner industriellen Revolution. Eine Migrationswelle, die zwar auch mit der industriellen Geschichte Luxemburgs zusammenhängt, aber deutlich weniger bekannt ist, ist die Abwanderung von Luxemburgern nach Brasilien. Vor einhundert Jahren eröffnete der Konzernriese ARBED dort im Rahmen des Ausbaus der luxemburgischen Stahlindustrie seine brasilianische Tochtergesellschaft: die Companhia Siderúrgica Belgo Mineira im Staat Minas Gerais. Damals führte der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu einer massiven Abwanderung von Luxemburgern nach Brasilien, um dieses riesige Werk mitsamt seiner Industriestadt zu errichten.

Die luxemburgisch-brasilianische Filmemacherin und Historikerin Dominique Santana machte eine verblüffende Entdeckung: João Monlevade, eine ungeahnte tropische Variante des industriellen Südens Luxemburgs, wo sie aufgewachsen ist. Im Rahmen von Esch2022 konzipiert sie in Zusammenarbeit mit Samsa Film, dem Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) der Universität Luxemburg und dem Nationalen Audiovisuellen Zentrum (CNA) sowie mit Unterstützung des Film Fund Luxembourg das Projekt A colônia luxemburguesa, das ein Jahrhundert industriellen, aber auch kulturellen und sozialen Erbes erforscht.

Vor 100 Jahren eröffnete ARBED seine brasilianische Tochtergesellschaft, die Companhia Siderúrgica Belgo Mineira im Bundesstaat Minas Gerais.
© Samsa Film, alle Rechte vorbehalten
Dreharbeiten für den Dokumentarfilm "A colônia luxemburguesa": Amandine Klee (links) - Dominique Santana (rechts) vor der ARCELORMITTAL-Fabrik in João Monlevade.
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A colônia luxemburguesa, ein Transmediaprojekt

Es handelt sich um das erste Transmediaprojekt im Rahmen einer Doktorarbeit in Geschichte. Somit verbinden sich wissenschaftliche Forschung, Filmwelt und Neue Medien, um uns das luxemburgische industrielle Erbe in Brasilien näher zu bringen. Das Projekt beinhaltet in der Tat einen interaktiven Dokumentarfilm und zwei Kioske, die in Luxemburg und Brasilien aufgestellt sind und [L]aço genannt werden. Es handelt sich dabei um ein Wortspiel, das auf die Begriffe "laço=Verbindung" und "aço=Stahl" zurückgeht und wortwörtlich "Verbindungen aus Stahl" bedeutet. Dieser Begriff verdeutlicht eigentlich die zentrale Zielsetzung des Projekts: die über ein Jahrhundert aufgebauten transatlantischen Stahlverbindungen zwischen den Gemeinschaften wieder aufleben zu lassen.

Der offizielle Start des Dokumentarfilms ist auf den 4. März 2022 in Belval (Hall des Poches à Fonte) festgesetzt, zusammen mit der Einweihung des Kiosks [L]aço, der bis Oktober auf der Place de l'Académie aufgestellt bleibt. A Colônia Luxemburguesa wird auch in das Programm des LuxCityFilmFest durch Aktivitäten (öffentliche Vorstellung, Masterclass) einbezogen.

Der brasilianische [L]aço wird vom 26. Februar bis 4. März 2022 in Belo Horizonte, Circuito Liberdade (Garten des Palasts der Freiheit) und anschließend vom 9. März bis Oktober in João Monlevade, Praça do Povo (Volksplatz) aufgestellt.

Die Städte Esch-sur-Alzette und João Monlevade werden von den geschaffenen Synergien profitieren und eine Partnerschaftsvereinbarung unterzeichnen.

A colônia luxemburguesa

A colônia luxemburguesa ist ein interaktives Projekt, dessen Ziel darin besteht, die Verbindungen zwischen Luxemburg und dem Staat Minas Gerais in Brasilien zu knüpfen und auszubauen.

Der Dokumentarfilm lädt uns ein, mehr über die Geschichte der Companhia Siderúrgica Belgo Mineira, der brasilianischen Tochtergesellschaft des Stahlriesen ARBED - heute ARCELORMITTAL -, und ihrer Industriestadt zu erfahren.

Ein partizipatives Projekt, um Geschichte weiterzuschreiben

Das Projekt ist Teil der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse in Sachen Digital public history. Dementsprechend steht eine Online-Crowdsourcing-Plattform zur Verfügung, auf der Sie Ihre Erinnerungen mit der Filmemacherin und Forscherin Dominique Santana teilen können. Der Aufruf zur Teilnahme erfolgte im März 2021 und bleibt während der gesamten Dauer von Esch2022 sowie in den Folgejahren bestehen. Die Teilnahme der Gemeinschaften ist während des Programms von Esch2022 ebenfalls in den Kiosken [L]aço möglich.

Wenn Sie selbst von dieser Geschichte betroffen sind oder betroffene Personen kennen, dann gehen Sie auf die Website des Projekts oder zu den Kiosken [L]aço. Indem Sie Ihre Erinnerungen teilen, leisten Sie einen Beitrag zum Wiederaufbau der Verbindungen und werden aktiver Teil der Geschichte!

Das langfristige Ziel besteht darin, ein digitales Archiv - ein sich stetig entwickelndes kollektives Projekt - zu erstellen und so das gemeinsame geschichtliche Vermächtnis zusammen mit den verschiedenen Gemeinschaften (wieder) aufzubauen.

"A colônia luxemburguesa": Ein partizipatives Projekt zur (Re-)Konstruktion der Geschichte.
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Dreharbeiten für den Dokumentarfilm "A colônia luxemburguesa": Interview in der Stadt João Monlevade von Dominique Santana.
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Die Brasilianer luxemburgischen Ursprungs finden ihre Wurzeln wieder

Zu guter Letzt, eine kleine Geschichte über die Rückkehr zu den Wurzeln: seit 2018 haben insgesamt 4.984 Brasilianer die luxemburgische Staatsangehörigkeit erworben. Sie waren zwischen 2018 und 2020 nach den Franzosen die zweitgrößte Gruppe, die die Staatsangehörigkeit des Großherzogtums erhielt! Diesmal wird die Geschichte der Einwanderung umgekehrt geschrieben, und Luxemburg empfängt heutzutage die Nachfahren der Luxemburger, die in die Tiefen der tropischen Wälder Brasiliens aufgebrochen sind, um ein riesiges Stahlimperium aufzubauen.