Esch2022 – ein grenzüberschreitendes Projekt (I) Kooperation, Programm und Partizipation über Grenzen hinweg

Das Programm zum Thema REMIX Culture wird von den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen beeinflusst und verbreitet sich über die Landesgrenzen hinweg: auch wenn die Initiative ihre Wurzeln in Esch an der Alzette, der zweitgrößten Stadt Luxemburgs hat, nehmen insgesamt 11 luxemburgische und 8 französische Gemeinden daran teil. Wir haben daher mit den Verantwortlichen auf beiden Seiten der Grenze gesprochen, um mehr über die verschiedenen REMIX und die Vielzahl an Projekten und Produktionen zu erfahren, deren Wirkung sicherlich noch lange nach dem Ende des Kulturjahres zu spüren sein wird.

REMIX Culture –  im Herzen einer historischen grenzüberschreitenden Gemeinschaft

Wann und wie entstand die Idee einer französisch-luxemburgischen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit?

Nancy Braun: Die Grundidee der Kulturhauptstadt Europas ist es, die europäische Kultur und Vielfalt zu feiern und gleichzeitig die Identität der Region ins Rampenlicht zu rücken.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rahmen von Esch2022 entstand aus den Verbindungen, die durch unsere gemeinsame Industriegeschichte geschmiedet wurden, und der Tatsache, dass wir Europa täglich leben, da unsere Grenzen in der Region fließend sind. Täglich überqueren Hunderttausende Menschen die Grenzen in der Großregion auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle oder zu ihrem Wohnort. Einige Luxemburger und Expats leben auch in Frankreich. Wir sind also auf vielfältige Weise miteinander verbunden, was die Menschen noch näher zusammenbringt.

Die 11 luxemburgischen und 8 französischen Gemeinden, aus denen Esch2022 besteht, bilden ein Gesamtkonstrukt; dies war eines der Argumente, das den Ausschuss der Europäischen Kommission überzeugte. Wir sind ein europäisches Labor mit Vorbildcharakter.

Patrick Risser:  Die Bedeutung dieser implizit schon immer vorhandenen Kooperation wurden nach der Unterzeichnung der Schengener Abkommen im Jahr 1985 nachdrücklicher formuliert. Im Laufe der Jahre ist der Austausch einfacher geworden und Projekte konnten gemeinsam entwickelt werden. Esch2022 ist ein großartiges Beispiel für diese partizipative und einigende Mobilisierung des herzlichen Austauschs zwischen Luxemburg und der französischen Region.  

Interessant ist, dass es einen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) gibt, der ausgewählt wurde, um die Beziehungen zu stabilisieren, gemeinsame Projekte dauerhaft durchzuführen und die Entstehung von Dienstleistungen zu fördern, die allen zugutekommen. Diese Struktur mit einer globalen Sicht auf den Sektor sollte es ermöglichen, neue Maßstäbe für den Austausch zwischen den Akteuren der Region rund um gemeinsame Themen zu setzen.

War die gemeinsame Geschichte eine der Überlegungen, die der Kooperation im Rahmen von Esch2022 zugrunde liegt?

Sylvain Mengel: In der Tat. Die Region, die nunmehr Kulturhauptstadt geworden ist, blickt auf eine gemeinsame industrielle Vergangenheit zurück, die auf denselben Aktivitäten und denselben Einwanderungswellen gründet. Darüber hinaus ist der Wunsch, die Region zu verändern, ein erklärtes Ziel von Esch2022, ProSud und der CCPHVA.

Nancy Braun: Das Bestreben von Esch an der Alzette, Kulturhauptstadt Europas zu werden, basiert in der Tat auf der gemeinsamen Geschichte der Region im Süden Luxemburgs und Nordostfrankreich. Diese Region hat ihre Wurzeln in der Industriegeschichte des Erzabbaus und der Stahlproduktion.

Einige Fakten:

1 Region

2 Länder: Luxemburg und Frankreich

8 französische Gemeinden

11 luxemburgische Gemeinden

57 Partner

160+ Projekte

400+ Freiwillige Helfer

155.000 Einwohner und Geschichten

Sind in all diesen Jahren gemeinschaftliche Verbindungen zwischen den Gemeinden Pays Haut Val d’Alzette (CCPHVA) und den Gemeinden im Süden Luxemburgs entstanden?

Yann Logelin: ProSud, der Zusammenschluss von Gemeinden im Süden Luxemburgs, hat durch den EVTZ Alzette-Belval Verbindungen zur anderen Seite der Grenze aufgebaut, die eine Teilnahme an Austausch- und Informationstreffen oder grenzüberschreitenden Besichtigungen vor Ort ermöglichen. Die 2020/21 durchgeführte Vorstudie der Internationalen Bauausstellung (IBA) ist dafür ein markantes BeispielFrüher oder später wird die IBA viele Projekte erleichtern und dazu beitragen, eine vereinte Landschaft zwischen dem Süden des Großherzogtums und der französischen Region Pays Haut Val d’Alzette zu schaffen, indem sie eine neue grenzüberschreitende städtische Agglomeration entstehen lässt.

Sylvain Mengel: Aufgrund der geografischen Lage sind die Gemeinden seit Jahrzehnten naturgemäß miteinander verbunden. Es steht fest, dass diese Bindung ursprünglich wirtschaftlicher Natur war (Kompetenztransfer, Migration von Arbeitnehmern, Finanzströme usw.), aber im Laufe der Jahre sind andere Bindungen entstanden.

Wie manifestiert sich diese Gemeinschaft im Alltag? Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Sylvain Mengel:  Täglich überqueren bereits Tausende von Einwohnern die Grenze auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Die Bürgermeister diesseits und jenseits der Grenze tauschen sich regelmäßig über verschiedene Probleme aus wie Mobilität, die Entwicklung von Netzwerken, um den Bürgern bessere Bedingungen zu bieten und das Konzept der Grenze vollständig abzuschaffen. Schließlich gibt es auf lokaler Ebene zahlreiche Partnerschaften zwischen Vereinen auf beiden Seiten der Grenze, z. B. ein Austausch zwischen Schülern von Musikschulen, Theatervorstellung eines französischen Vereins in einer luxemburgischen Einrichtung usw.

Yann Logelin: Auf kommunaler oder Vereinsebene lassen sich mehrere Beispiele anführen, etwa:

  • Sassenheim und Rédange mit ihrem gemeinsamen Projekt rund um den Gartenbau;
  • Der regelmäßige Austausch zwischen der außerschulischen Betreuungseinrichtung Rédange (F) und dem Schülerhort von Belvaux. Seit 2019 hat die außerschulische Betreuungseinrichtung Rédange eine Parzelle in den Gärten "Matgesfeld" in Belvaux und führt dort zusammen mit Kindern aus den Schülerhorten von Belvaux betreute Gärtner- und Kochaktivitäten durch. Zwischen den Jugendzentren Schifflingen und Audun-le-Tiche (F) findet ebenfalls ein regelmäßiger Austausch statt.

Wie unterstützt Esch2022 dieses Konzept der Kunst ohne Grenzen?

Françoise Poos: Bei der Auswahl der Projekte von Gemeinden, Institutionen, Kulturschaffenden und all ihren Partnern haben wir uns stets Gedanken darüber gemacht, wie wir grenzüberschreitende Partnerschaften finden können. Schließlich ist dieser Aspekt die DNA des Projekts Esch2022. Die internationale Dimension zeigt sich auch in den Projekten, die die Asbl selbst durchführt, beispielsweise die Ausstellungen in Esch-Belval, wo wir mit weltbekannten Partnern zusammenarbeiten, die wiederum internationale Künstler eingeladen haben.

Sylvain Mengel:  Das Gebiet der Europäischen Kulturhauptstadt erstreckt sich über 2 Länder. Nicht ein Land wird ins Rampenlicht gerückt, sondern eine gemeinsame Region, die ein Bedürfnis nach Erneuerung hat und ihre Stärken herausstellen will. Die Grenze existiert also nicht mehr und den Künstlern ist es egal, ob sie in Frankreich oder in Luxemburg sind. Die Finanzierung der Projekte, die aus dem Projektaufruf hervorgegangen sind, ist fair und es gibt auch auf dieser Ebene keiner Zutrittsschranken. Oberste Priorität hat das Projekt : seine Akteure, seine Entwicklung, sein regionaler Bezug und seine Auswirkungen.

Hier finden Sie die Fortsetzung

Mit Ihnen haben wir gesprochen:

Nancy Braun, Generaldirektorin von Esch2022
Esch2022
Yann Logelin, Kommunikationsbeauftragter ProSud
Caroline Martin
Patrick Risser, Präsident der Communauté des communes du Pays Haut Val d'Alzette
CCPHVA
Sylvain Mengel, Kulturkoordinator bei der CCPHVA
CCPHVA
Françoise Poos, Direktorin der Kulturprogramme Esch2022
Esch2022
Thierry Kruchten, Leiter des Bereichs Tourismus, Mobilität und nachhaltige Entwicklung
Mike Zenari / Esch2022

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