Lebensqualität und Zusammenleben in Luxemburg Pierre Hurt, Direktor des OAI, über die Herausforderungen für Architekten, beratende Ingenieure und Stadplanner im 21. Jahrhundert.

Die Kammer für Architekten und beratende Ingenieure (Ordre des architectes et des ingénieurs-conseils, OAI) ist seit über 30 Jahren ein starker Partner für die Akteure der Baubranche. Jenseits der beratenden Rolle für Firmen und politische Entscheider, ist sie auch die treibende Kraft hinter der Entwicklung der Baukultur in Luxemburg, die jeden Bürger impliziert. In diesem Rahmen steht sie mit den rasant steigenden Immobilienpreisen und dem Kampf gegen den Klimawandel vor großen Herausforderungen. Pierre Hurt, Direktor der OAI, hat sich für uns Zeit genommen, um mit uns auf diese Herausforderungen einzugehen.

Die Kammer für Architekten und beratende Ingenieure (OAI) föderiert seit über 30 Jahren alle Akteure des Bauwesens in Luxemburg. Welche initiale Idee führte zu seiner Gründung?

Architekten und beratende Ingenieure gestalten unseren gemeinsamen Lebensraum; eine Regulierung dieser Berufe war daher unumgänglich. Auch weil wir ein kleines Land sind, erschien es allerdings sinnvoll, beide Berufsgruppen in einer Kammer zu vereinen, was vom damaligen Minister, Robert Goebbels unterstützt wurde.

Diesen Weg einzuschlagen hat sich eindeutig als richtig erwiesen, denn unsere Umwelt kann nur durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten gedacht und geplant werden.

1985 war dann auch das Jahr der Europäischen Direktive über die freie Dienstleistungserbringung und die Niederlassungsfreiheit, die von den Mitgliedsstaaten verlangte, über eine Organisation zu verfügen, die Dienstleister empfängt.

Resilienz ist für Sie ein wichtiges Schlagwort. Wie sehen Sie hier die Rolle der Baubranche?

Unsere Branche ist eine der grundlegendsten, wenn nicht der grundlegendste Faktor für Resilienz: Leben und Arbeiten sind hier eng miteinander verwoben. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere Strukturen – nicht nur in der Baubranche – so planen, dass wir auch in Krisen handlungsfähig bleiben.

Resilienz baut zunächst auf eine schlaue Vernetzung auf verschiedenen Ebenen auf, national, wie auch lokal und regional. Konkret bedeutet das für uns, dass wir verstärkt lokal geschaffene Baumaterialien verwenden.

Darüber hinaus geht es darum, dass wir uns über den „Total Cost“ unserer Lebensweise Gedanken machen. Die Frage der wir uns stellen müssen ist, welchen Mehrwert wir für unsere Gesellschaft schaffen und nicht, wie wir die Profite von einigen, dominanten Akteuren maximieren.

Wie gehen die Unternehmen in Luxemburg mit diesem Thema um?

Viele Unternehmen in Luxemburg beschäftigen sich aktuell damit, und das ist auch gut so. Denn langfristig kann Resilienz nur gelingen, wenn wir alle Akteure mit ins Boot bekommen – so wie dies bei der Zirkularwirtschaft bereits der Fall ist.

Die sanitäre Krise hat in dem Sinne ein Umdenken bewirkt, sie hat uns vor Augen geführt, dass, wenn wir nicht auf aktuelle Herausforderungen reagieren, die Klimakrise uns in Zukunft vor ganz andere Herausforderungen stellen wird. Langfristig sprechen wir hier von nichts weniger als einer Revolution, die aber auch neue Möglichkeiten bietet.

© OAI

Pierre Hurt ist seit der Gründung der OAI 1990 dessen Direktor. In dieser Rolle hat er eine Vielzahl von Initiativen angestoßen, die sinnbildlich für sein Engagement stehen, u.a. da Referenzwerk Guideoai.lu, die Initiative Architectour.lu, die Exchangeplattform Laix.lu und den prestigeträchtigen "Bauhärepräis". Er setzt sich für ein intelligentes und vernetztes Bauen ein was der Gesellschaft zugutekommt, und hat im Rahmen dieser Bemühungen u.a. die Methodologie MOAI.LU begleitet, ein Rahmenwerk für die Zusammenarbeit von verschiedenen Berufsgruppen an einem Projekt. Er ist ein anerkannter Verfechter von sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und dem Slow-Gedanken.

Wie müssten die Akteure der Baubranche sich Ihrer Meinung nach verhalten um diese Revolution anzutreiben?

Wir haben ein kleines Territorium mit viel Potential, müssen also versuchen, die vorhandenen Mittel richtig einzusetzen. Vor allem bedeutet dies, die konzeptuelle Phase von Projekten aufzuwerten, in der wir uns unsere Ziele vor Augen führen, u.a. wie wir als Gesellschaft widerstandsfähiger werden können. An dieser Phase müssen Bauherren, Planer, Benutzer, Verwaltungen und die ausführende Firmen zusammen teilnehmen.

Die Interessen dieser Akteure widersprechen sich allerdings oft und so ähnelt es manchmal einer Mission Impossible, sie zusammenzubringen, auch wenn wir eigentlich im Interesse aller handeln.

Hier schlägt die Stunde der unabhängigen Fachleute, die von der Politik vorgegebene Ziele umsetzen. Für uns sind das die liberalen Berufe, die nicht nur ein Produkt erschaffen, sondern auch den intellektuellen Prozess dahinter.

Eine der Herausforderungen, denen sich auch Ihre Branche stellen muss, ist der Klimawandel Wie gehen Sie in Luxemburg damit um?

Einerseits treten wir diesem Thema seit geraumer Zeit anhand von Fortbildungen zusammen mit Institutionen im In- und Ausland entgegen. Ein Projekt benötigt in der Erstellungsphase etwa 3 Jahre. Dieser Zeitraum gibt uns den Rahmen, in dem wir unsere Mitglieder immer wieder unterstützen, damit sie den Entwicklungen in der Baubranche Rechnung tragen können.

Andererseits führen wir seit 2020 zusammen mit dem Ministerium für Energie und Raumentwicklung ein Projekt zum zirkularen Bauen. In einer ersten Phase erstellten wir ein Inventar aller Faktoren, die eine schnellere Entwicklung des zirkularen Bauens behindern, sowie aller Initiativen und Pilotprojekte in dem Bereich.

Wir sind nun in der 2. Phase des Projekts, in der wir uns die Frage stellen, inwiefern Luxemburg – und seine Partner in der Großregion – nachwachsende Baurohstoffe liefern können. Dabei geht es auch um Gemeindeplanung und Stadtentwicklung, sowie auch um Themen wie "Urban Farming" und "Urban Gardening".

Eine weitere Frage betrifft die Nutzung von Projekten – Stichwort Multi-Use. Nur so können wir unsere Lebensqualität verbessern und uns der Herausforderungen hinsichtlich des nachhaltigen Bauens und der Zirkularwirtschaft stellen. So kann z.B: bei einem Eigentumswohnungsprojekt der Vorgarten als Nutzfläche benutzt werden, wo sonst ein Steingarten angelegt worden wäre.

Kann man auf einem kleinen Territorium wie Luxemburg überhaupt etwas gegen den Klimawandel ausrichten?

Dies beantworte ich mit einem klaren Ja. Wir können mit unserem alltäglichen Handeln, unserem Konsum und unserer Mobilität einen konkreten Einfluss auf den Klimawandel geltend machen. Schauen Sie, was wir in der Covid-Krise kurzfristig alles gestemmt haben. Allerdings benötigt dies ein proaktives Handeln – wir dürfen es nicht soweit kommen lassen, dass die Angst uns unser Handeln diktiert.

Die Branche ist also bereit sich diesen Fragen und Herausforderungen zu stellen?

Sicher. Luxemburg ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Wir haben die europäische Direktive 3 Jahre vor den anderen EU Ländern umgesetzt. Bei energetischen Vorschriften ist Luxemburg in Europa sogar führend.

Das Forum Da Vinci, Sitz der OAI
© OAI

Ein wichtiger Faktor in Luxemburg ist der sprunghafte Anstieg der Bevölkerung, was Auswirkungen u.a. auf die Einwohnerdichte und die Immobilienpreise hat. Wie versucht man einen Ausgleich zwischen dem Erhalt der Lebensqualität und den steigenden Immobilienpreisen zu schaffen?

In unserer Gesellschaft sind wir dabei, ein Gefühl dessen zu bekommen, was qualitatives Zusammenleben ausmacht, da wir uns in einer Phase befinden, in der an verschiedenen Orten gerade jetzt eine qualitative Dichte entsteht.

Das bedeutet nicht, dass wir überbevölkert sind – das Saarland hat mehr Einwohner als Luxemburg. Wir benötigen aber eine Neugestaltung der dichter bebauten Regionen, egal ob das die Stadt Luxemburg ist, die Nordstadt oder der Süden des Landes mit z.B. Esch. Wichtig ist, dass diese Neugestaltung Kohärenz und Lebensqualität vermittelt. Es ist ja eigenartig, dass wir, wenn wir im Zuge eines Aufenthalts z.B. in Italien einen Stadtkern besichtigen, diese Dichte der Bebauung bewundern. In Luxemburg werden im Gegensatz dazu Grundstücke so bebaut, dass sie sich von den Nachbargrundstücken abgrenzen.

Wir müssen auch lernen, Bauland gerecht zu teilen und zu nutzen. Dazu gehört, gegen Leerstand anzugehen, aber auch, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Privatsektor Gemeinden und Staat in den Bemühungen unterstützen, Wohnraum zu schaffen, denn hier hat Luxemburg Nachholbedarf.

Dabei geht es nicht nur um Sozialwohnungen, sondern wir brauchen auch Angebote für Erstkäufer. Jeder der sich hier niederlässt um zu wohnen und zu arbeiten, muss in den Wohnungsmarkt einsteigen können, und in Würde leben können, ohne dabei 50 Jahre lang ein Darlehen abbezahlen zu müssen. Sonst bricht unser Wirtschaftssystem zusammen.

Vor allem aber kommen wir nicht umhin, über das Wachstum in Luxemburg zu diskutieren.

Ist es denn für Sie durchaus möglich, ein intelligentes Wachstum anzutreiben und die Lebensqualität für die Luxemburg bekannt ist zu erhalten?

Ja, wenn die Politik hierzulande es erreicht, dass z.B. ein Prozentsatz der Immobilien in öffentlicher Hand ist, damit wir für Erstkäufer hierzulande einen Markt erhalten. Dies ergibt sich ja bereits aus der Verfassungsrevision, durch die das Recht auf Wohnen verbrieft werden soll. Die öffentliche Hand muss aktiv werden, was sie ja bereits auch tut, u.a. mit dem Pacte logement 2.0 für Gemeinden und für Privatakteure.

Einer der Gründe für die aktuelle Situation ist ja, dass wir nicht genug Bauland in öffentlicher Hand haben. Eine revolutionäre Idee aus Österreich bietet hier einen Lösungsansatz. In Vorarlberg wird Land zum aktuellen Verkaufspreis in den Bauperimeter eingeschlossen, der Besitzer erhält Grundstücke außerhalb des Perimeters als Kompensierung. Dieses Land wird dann niemals zum Spekulationsobjekt: dort werden Wohnprojekte der öffentlichen Hand gebaut. So könnte man innerhalb von 3-4 Jahren ein Angebot schaffen und viel Druck aus dem hiesigen Markt ablassen.

Es bleibt schließlich die Frage des schnelleren Bauens. Prozeduren und Regeln sind natürlich wichtig, aber es muss einen gesellschaftlichen Konsens geben, dass dies zu den Fragen gehört, die wir uns stellen müssen, wenn es um Wachstum geht. Eine NIMBY-Mentalität an den Tag zu legen um Bauvorhaben zu verhindern bringt uns nicht weiter.

Das Schlüsselwort hier lautet Suffizienz. Was benötigen wir wirklich, um einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen? Wir müssen uns den Antworten auf diese Frage bewusstwerden.

Auf was sind Sie besonders stolz?

In den 31 Jahren in denen es die OAI gibt, haben wir einen gerechten, guten Arbeitsrahmen für unsere Mitglieder auf- und ausgebaut, damit die freien Planer ihre gesellschaftliche Rolle erfüllen können. Unsere Mitglieder sind eben nicht nur "Poseurs de pierres" sondern "Poseurs de vie"; sie erschaffen unseren Lebensraum und besonders unser Zusammenleben.

Auch wurde 2004 das Programm für Architekturpolitik von der Regierung unterschrieben, ein großer Schritt in Richtung mehr Baukultur.

Schlussendlich gilt die OAI heute als ein zuverlässiger und anerkannter Partner, für juristische, professionelle und gesellschaftliche Aspekte.

Diese drei Erfolge zusammen definieren die Rolle der OAI in der Gesellschaft und sind auch die Basis für seine Glaubwürdigkeit.