Interview mit Boyd van Hoeij, freiberuflicher Filmkritiker Ein Hollywood-Reporter in Luxemburg

Boyd van Hoeij ist freiberuflicher Filmkritiker. Seine Kritiken werden in den Vereinigten Staaten (Variety, The Hollywood Reporter) veröffentlicht; er ist als Filmredakteur für Winq (NL) tätig und arbeitet für Filmkrant (NL) und Indiewire (US). Er hat das Buch "10/10" über zehn französischsprachige belgische Regisseure veröffentlicht, war Dozent für Filmkritik in zahlreichen Ländern und war zu verschiedenen Podiumsdiskussionen im Rahmen von mehreren Filmfestivals eingeladen. Er ist Vorsitzender des Auswahlkomitees des Film Fund Luxembourg und in diesem Jahr erstmals künstlerischer Berater des Luxembourg City Film Festivals.

In diesem Zusammenhang haben wir ihm 6 Fragen gestellt, die uns auf der Seele brannten: 

Herr van Hoeij, Sie haben mehrere Verbindungen zu Luxemburg. Was mögen Sie besonders am Großherzogtum?

Ich liebe seine Ruhe - da ich in einer eher hektischen Industrie tätig bin -, seine Kultur an der Grenze zwischen dem lateinischen Einflussbereich Südeuropas und der germanischen Welt des Nordens, jedoch mit eigener Identität, die sich insbesondere in seiner eigenen Sprache äußert. Ich schätze auch die Größe des Landes, aufgrund derer sich Dinge leicht bewegen lassen.

Nachdem Sie Mitglied des künstlerischen Komitees waren, sind Sie nun erstmals künstlerischer Berater des Luxembourg City Film Festivals. Worin unterscheiden bzw. ähneln sich die beiden Aufgaben?

Auf jeden Fall hat sich nichts daran geändert, dass ich mir immer noch viele Filme anschaue. Allein im Januar vor dem Abschluss unseres Programms für 2020 habe ich mir Dutzende von Filmen angesehen. Diesen neuen Titel habe ich vor allem bekommen, um in gewisser Weise eine Arbeit formell zu bestätigen, die ich bereits leistete, da ich nicht nur Filme für das Festival empfehle, die anschließend im Rahmen unseres künstlerischen Komitees validiert werden, sondern auch Gäste, Journalisten und Mitglieder unserer Jurys vorschlage. Ich präsentiere ebenfalls das Event 3'52'' MAX und leite Filmkritik-Workshops, eine Abendveranstaltung im Cercle Cité, in deren Rahmen Filme Szene für Szene analysiert werden, sowie eine "Masterclass" mit Costa Gavras (ein französisch-griechischer Filmregisseur und -produzent) während des Abschlusswochenendes. 

Im Rahmen des diesjährigen Luxembourg City Film Festivals wird erstmals das Event B2B, 3'52'' Max – Upcoming titles stattfinden, bei dem ein Dutzend luxemburgische und internationale Projekte in verschiedenen Produktionsphasen und nicht länger als 3 Minuten und 52 Sekunden (Anspielung auf die luxemburgische Vorwahl) zahlreichen Festivalvertretern, internationalen Vertreibern und Händlern präsentiert werden. Laut den Veranstaltern des Festivals ist dieses Event weltweit einzigartig. Können Sie uns als Moderator des Events mehr über seine Besonderheiten erzählen?

Ich bin sehr stolz, auf Einladung von Alexis Juncosa, dem künstlerischen Direktor des Festivals, pitch 3'52'' MAX moderieren zu dürfen, eine Abendveranstaltung, in deren Rahmen luxemburgische Produzenten und Regisseure ihre Projekte Filmfachleuten, die aus der ganzen Welt angereist sind, vorstellen können. Hiesige Produktionsgesellschaften haben ziemlich selten Zugang zu so vielen Leuten gleichzeitig, besonders hier in Luxemburg. Die Idee besteht darin, Filmvertreibern und -händlern, Direktoren von anderen Festivals und ausländischen Journalisten zu zeigen, dass sich in Luxemburg etwas bewegt und viele schöne Projekte in Entstehung sind, die sie interessieren könnten. Es ist wie ein Schaufenster oder ein Katalog, nur viel attraktiver. 

Das Luxembourg City Film Festival ist einer der Gründer der Europa Film Festivals (EFF), einer europäischen Organisation, die ihre Tätigkeit im Juli 2020 in Galway (Irland), der Kulturhauptstadt, offiziell aufnehmen wird. Diese Vereinigung trifft sich während mehrerer Festivaltage mit den Mitgliedern von Europe International, einer europäischen Organisation internationaler Filmvertreiber, um gemeinsam und in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich eine Charta bewährter Praktiken zur Förderung der Kultur europäischer Festivals zu erarbeiten. Welche Bedeutung hat ein solcher Beitritt?

In gewisser Weise handelt es sich quasi um die Benelux-Staaten der Festivalwelt, und zwar in dem Sinne, dass sich mehrere Festivals mittlerer Größe zusammenschließen, um sich in einer Welt zu behaupten, in der es andere Veranstaltungen mit viel mehr Gewicht gibt. Es ist ebenfalls äußerst interessant und bereichernd, "Best Practices" teilen zu können; Einigkeit macht stark, wie die Belgier sagen. 

Boyd van Hoeij
© VDL, Patrick Muller

Welche Rolle spielt Luxemburg im Allgemeinen in der internationalen Filmwelt? Und welchen Beitrag leistet das Luxembourg City Film Festival zu seiner Positionierung?

Ich denke, dass Luxemburg vor allem aufgrund seiner Koproduktionen auf internationaler Ebene bekannt ist, aber es gibt immer mehr hiesige Regisseurinnen und Regisseure, deren Bekanntheitsgrad ebenfalls zunimmt: beispielsweise Laura Schroeder, Govinda Van Maele, Caroline Origer, Alexandre Espigares und Jacques Molitor. Mit seiner Mehrsprachigkeit und seiner sehr zentralen Lage ist das Land ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in der europäischen Filmwelt, meiner Meinung nach besonders in den Bereichen Fiktion, Animation und Virtual Reality und - wenn auch etwas weniger - bei Dokumentarfilmen. Durch Förderung unseres Themenbereichs "Made in Luxembourg" während des Festivals (mit mehr als einem Dutzend Titeln), der Programmierung von Videoclips und Kurzfilmen und mittels Events wie 3'52'' MAX können wir dem lokalen Publikum und Gästen von außerhalb zeigen, was die luxemburgische Filmwelt tatsächlich ausmacht, und das ist ziemlich unglaublich.

6. Haben Sie einen luxemburgischen Lieblingsfilm? Und falls ja, würden Sie uns verraten welchen?

Das ist, als ob man zwischen zwei seiner Kinder wählen müsste, und daher nicht möglich! Ich muss zugeben, dass ich eine besondere Schwäche für unsere Animationsfilme haben, die durchweg von exzellenter Qualität sind (und als solche auch im Ausland anerkannt sind). Ich bin sehr stolz, dass wir auch in diesem Bereich zunehmend luxemburgische Werke vorweisen können.

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