Wird die Telearbeit in Luxemburg ausgebaut?

Infolge des Coronavirus und des damit einhergehenden Lockdowns hat sich Telearbeit gezwungenermaßen durchgesetzt. Wird sie nun längerfristig Einzug in unsere Arbeitswelt erhalten? Darüber haben wir mit dem Minister für Arbeit gesprochen. 

Mit dem Auftauchen des Coronavirus haben die meisten Berufstätigen aufgrund des Lockdowns kurzfristig auf Telearbeit zurückgegriffen. In der Tat hat Telearbeit, über die in Luxemburg bereits seit Jahren diskutiert wird, zwangsläufig von heute auf morgen Einzug in das Alltagsleben der Personen gefunden, die in Luxemburg und anderen Ländern tätig sind.

Telearbeit hat sich mehr als verdreifacht

Das Coronavirus hat alle unsere Gewohnheiten verändert, insbesondere unsere Art zu arbeiten. Büros und Besprechungsräume stehen leer, Autobahnen sind verlassen, Baustellen sind geschlossen und der Straßenverkehr hat stark abgenommen. Die Pandemie hat die Welt in kürzester Zeit zum Stillstand gebracht. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. In Wirklichkeit hat die Mehrzahl der Berufstätigen die Unternehmen von zu Hause aus am Laufen gehalten.

In Luxemburg sind seit dem Lockdown, der Mitte März 2020 verhängt wurde, ungefähr zwei Drittel, d. h. 69% der Arbeitnehmer, auf Telearbeit umgestiegen. Ein rasanter Anstieg, da es im Jahr 2019 lediglich 20% waren. Insbesondere die öffentliche Verwaltung (75%) und das öffentliche Unterrichtswesen (96%) haben ganz stark auf diese Arbeitsform zurückgegriffen. Das geht aus der jüngsten Studie des Statec zum Thema Telearbeit hervor, die im Mai veröffentlicht wurde.

Laut der Umfrage hat fast die Hälfte der Betroffenen vollständig in Telearbeit gearbeitet, und 21% haben teilweise auf diese Arbeitsform zurückgegriffen. Nur ein Drittel der Beschäftigten (31%) haben weiter an ihrem Arbeitsplatz gearbeitet. 

Die Erfahrung wurde als positiv empfunden

Durch die Gesundheitskrise wurde nicht nur verstärkt auf Telearbeit zurückgegriffen, die Karten wurden auch neu gemischt. Rund vier Monate, nachdem die Telearbeit kurzfristig eingeführt werden musste, hat diese Erfahrung ihre Spuren hinterlassen. Auch wenn die Reduzierung der Arbeitszeit aufgrund der Pandemie gemäß dem Statec für 1 von 16 Einwohnern ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis darstellt, steht die Mehrheit der Betroffenen der aktuellen Erfahrung mit Telearbeit jedoch positiv gegenüber. Laut der Umfrage bewerten 55% der Betroffenen Home Office als positiv und 30% als neutral; für nur 15% war es eine negative Erfahrung.

Dieses positive Gefühl ist am weitesten in der öffentlichen Verwaltung und den Verwaltungs- und Finanzdiensten (60%) verbreitet, während das negative Gefühl am stärksten im Bildungswesen (29%) vorhanden ist. Eine weitere Feststellung: die Art des Wohnsitzes "scheint die Arbeitsbedingungen nicht zu beeinflussen".  

Befürworter und Gegner

Seit dem Krisenzustand ist Telearbeit zu einer "Standard"-Arbeitsform geworden. Die Situation vor der COVID-19-Gesundheitskrise hat die Entwicklung der Telearbeit aus verschiedenen Gründen und aufgrund zahlreicher Hindernisse nicht wirklich begünstigt. Laut dem LISER [Luxembourg Institute of Socio-Economic Research, Anm.d. Red.] haben 88% der Arbeitnehmer angegeben, nicht die Möglichkeit zu haben, auf Telearbeit zurückzugreifen, und zwar aufgrund der Art ihrer Arbeit (52%) oder weil das Unternehmen dies aus kulturellen, technischen oder gesetzlichen Gründen nicht erlaubte (36%). Aber das war vor COVID-19. 

In der aktuellen Situation hat sich herausgestellt, dass eine andere, flexiblere und weniger stressige Arbeitsform möglich ist. Einige haben eine bessere Vereinbarung von Privat- und Berufsleben festgestellt bzw. eine höhere Lebensqualität ohne Frustsituationen wie Anfahrten und Stau. Andere haben festgestellt, dass die Lockdownmaßnahmen positive Auswirkungen auf Flora und Fauna hatten.

Da aber jede Medaille stets eine Kehrseite hat, könnte Telearbeit auch den Verfall der sozialen Beziehungen und das Verschwinden des Teamgeistes begünstigen. Ferner leistet ein Telearbeiter gemäß dem Statec im Durchschnitt vier Stunden mehr als andere Arbeiternehmer, und zwar meistens abends oder an den Wochenenden. Die Zahlen zeigen, dass 55% der Telearbeiter auch abends arbeiten, während nur 33% der Arbeitnehmer, die im Büro bleiben, dies tun. 

Wie sieht die Zukunft der Telearbeit aus ?

Zurzeit ist es aufgrund der neuen Technologien möglich, effiziente Telearbeit zu leisten. Allerdings sind noch verschiedene Hindernisse zu bewältigen, und die kommenden Etappen sind zu klären. Die Gewerkschaften fordern klare Rahmenbedingungen für die Telearbeit. Ihr Leitmotiv: den Arbeitnehmer schützen.

Auch wenn die Unternehmen bereit wären, diese Erfahrung fortzusetzen, sind auf politischer Ebene andere Hindernisse zu bewältigen. Denken wir an die Grenzgänger, für die der Rückgriff auf Telearbeit gestoppt werden könnte, wenn Luxemburg und seine drei Nachbarländer sich nicht über die steuerlichen Regeln einigen sollten

Sicher ist, dass die Gesundheitskrise unsere Art zu arbeiten beeinflusst hat. Wie wird unsere Berufswelt nach dem Coronavirus aussehen? Dan Kersch, Minister für Arbeit, steht uns diesbezüglich Rede und Antwort. 

3 Fragen an:

Dan Kersch, Minister für Arbeit

1. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie zum Thema Telearbeit während der Corona-Krise?

Zu Beginn der Krise und mit dem von der Regierung verhängten Lockdown mussten sich viele Unternehmen kurzfristig an die neue Situation anpassen. Sogar in den Unternehmen, in denen Telearbeit nicht als Arbeitsweise bekannt war, ist es den Verantwortlichen gelungen, die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, um zumindest einen Teil ihrer Tätigkeiten weiterzuführen. Die Schwierigkeiten, die während der Krisenzeit aufgetaucht sind, werden im Endeffekt positive Auswirkungen haben, da sie uns dabei behilflich sein werden, klare und eindeutige Regeln für die Zukunft auszuarbeiten.   

2. Telearbeit war vor dem Krisenzustand wenig verbreitet. Während der Gesundheitskrise hat sie sich jedoch bewährt. Ist dies nur auf die außergewöhnlichen Umstände zurückzuführen oder wird Telearbeit in Zukunft zur Regel werden? Wenn ja, unter welcher Form?

Die Krise hat den Prozess mit Sicherheit beschleunigt, sodass Telearbeit nun viel stärker verbreitet ist.

Auch wenn zahlreiche Unternehmen nach und nach wieder auf herkömmliche Art und Weise mit einer verstärkten Anwesenheit im Büro funktionieren werden, wird die Krise sicher langfristige Auswirkungen haben. Ich kann mir vorstellen, dass viele Gesellschaften Telearbeit als allgemeine Arbeitsweise innerhalb des Unternehmens einführen werden. Dann benötigen wir natürlich klare und eindeutige Regeln für diese Telearbeit. Die Vereinbarung zwischen den Gewerkschaften und der Union der luxemburgischen Unternehmer, in welcher zurzeit die Rahmenbedingungen für Telearbeit in der Privatwirtschaft festgelegt sind, muss somit an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden.

Allerdings scheint es mir jedoch auch grundlegend, eindeutige Regeln für das Recht auf Abschalten festzulegen. Von zu Hause aus arbeiten darf unter keinen Umständen bedeuten, dass der Arbeitnehmer immer erreichbar sein muss. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir angemessene Lösungen für diese Herausforderung finden werden.

Telearbeit hat sicher positive und negative Seiten, sowohl für den Arbeitnehmer als auch für die Wirtschaft im Allgemeinen. Daher ist sie in ihrer Gesamtheit zu betrachten, und anschließend muss die goldene Mitte gefunden werden.

3. Während der Corona-Zeit hat Telearbeit einen großen Erfolg verbucht. Allerdings könnte das Coworking, d. h. eine Abwechslung zwischen Telearbeit und Arbeit im Büro, das Berufsleben auch nach dem Coronavirus erleichtern. Werden Sie das Coworking fördern? 

Die Krisenzeit wird mit Sicherheit unsere Arbeitsformen verändern und die laufenden Entwicklungen beschleunigen. Zu diesen Entwicklungen gehört die wachsende Beliebtheit für Coworking-Spaces. Eine Sache ist in meinen Augen sicher: wir brauchen einen klaren und eindeutigen Rahmen für alle Arbeitsformen. 

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