Sport - Radsport

Charly Gaul (1932-2005)

Ein Engel der Berge in Abwesenheit von Göttern der Arena

Charly Gaul im Giro d'Italia 1959
© Département ministériel des Sports
Mit seinen überragenden Leistungen, insbesondere durch seine Siege bei der Tour de France sowie beim Giro d’Italia in den 50er Jahren schrieb Charly Gaul die schönsten Kapitel in der Geschichte des luxemburgischen Radrennsports.

Charly Gaul, der Radrennfahrer

Charly Gaul wurde am 8. Dezember 1932 in Luxemburg-Stadt im Stadtteil Pfaffenthal geboren. Der "Bergfahrer mit den Flügeln" oder auch "Engel der Berge" war einer der besten Profiradrennfahrer, den das Land je hatte.

1953 begann er seine Karriere als Profiradrennfahrer und nur ein Jahr später belegte er bei der Weltmeisterschaft Platz 3.

1953 und 1956 wurde er zum besten Bergfahrer der Tour de France gewählt, eine Auszeichnung, derer er sich 1958 als würdig erwies, als er die Tour gewann. 1956 und 1959 siegte er beim Giro d’Italia. Während seiner gesamten sportlichen Karriere gewann er insgesamt 10 Etappen der Tour de France und 12 Etappen des Giro d’Italia, wodurch er als einer der besten Bergfahrer in der ganzen Geschichte des Radrennsports gilt. Er gewann zwischen 1956 und 1962 6 Mal die luxemburgische Straßenradmeisterschaft sowie 1956, 1959 und 1961 die Tour de Luxembourg.

Charly Gaul, die Legende

Was ihn legendär machte, war besonders die Leichtigkeit, mit der er die steilsten Anstiege anging. Seinem ganz eigenen Rhythmus folgend – sein Getriebe hatte zwei Zahnradzacken weniger als die der Konkurrenten – erhob er sich kaum aus dem Sattel und schien von einer Kraft, einem Willen, einer unsichtbaren Verbissenheit getrieben, die ihn Anstieg nach Anstieg, Hügel auf Hügel erklimmen ließ.

Die Legende Charly Gaul wurde 1956 beim Giro d'Italia begründet. Am 8. Juni, während des 12 km langen Anstiegs zum Monte Bodone, hielt Charly Gaul unbeirrt durch, obwohl katastrophale Witterungsbedingungen herrschten: es schneite und die Temperaturen sanken bis auf -10°C. Während einige Fahrer das Rennen lieber unterbrachen, um unterwegs ein heißes Bad zu nehmen, machte er ohne nachzulassen weiter und gewann nicht nur die Etappe, sondern wurde schließlich sogar Gesamtsieger.

Ein Leben für den Radsport

1965, etwa 10 Jahre nach dem Beginn seiner Karriere, bestritt er den letzten Wettkampf seiner Profikarriere. Anschließend widmete er sich voll und ganz der Pflege des sportlichen Erbes und übernahm eine Stelle als Archivar beim Ministerium für Sport.

Charly Gaul verstarb am 6. Dezember 2005 im Alter von 72 Jahren, was von der Bevölkerung mit großer Trauer aufgenommen wurde.

Ihm zu Ehren veranstaltet der luxemburgische Radsportverband alljährlich das Charly-Gaul-Rennen und der Anstieg zum Gipfel des Monte Bodone wurde in "Salita Charly Gaul" umbenannt.

Im "Lexique des coureurs" (Lexikon der Radrennfahrer) (Mythologies, 1970, S. 120) bezeichnet der französische Schriftsteller und Semiologe Roland Barthes (1915-1980) Gaul als "Neuen Erzengel der Berge". "Unbekümmerter Ephebe, schmal, engelsgleich, bartloser Jüngling, grazil und flapsig, genialer Jüngling, der Rimbaud der Tour. In manchen Momenten hat Gaul eine göttliche Eingebung; seine übernatürlichen Talente werden von seinen Rivalen wie eine mysteriöse Bedrohung empfunden. Das gottgegebene Geschenk an Gaul ist seine Leichtigkeit: Mit seiner Grazie, seinem Antritt und Dahingleiten (unerklärlicherweise ohne jede Anstrengung) gleicht Gaul einem Vogel oder einem Flugzeug (anmutig überquert er die Gipfel der Alpen, wobei seine Pedale wie Propeller rotieren). Aber bisweilen scheint ihn Gott verlassen zu haben und sein Blick wird "seltsam leer". Wie jedes mythische Wesen, das zwar vermag, Luft oder Wasser zu trotzen, wird Gaul auf der Erde plump und kraftlos; die göttliche Gabe wird zur Last (‚Ich kann nur noch Bergfahren. Und dazu nur noch Anstiege. Beim Abstieg bin ich ungeschickt oder habe vielleicht zu wenig Biss’)."

  • Letzte Änderung dieser Seite am 08-06-2017