Medien

Medienerziehung: Den Fake News den Kampf ansagen

Die Europäische Woche der Medienerziehung ist eine neue Initiative der Europäischen Kommission, die darauf abzielt, die Welt der Medien besser zu verstehen sowie ihre gesellschaftlichen Herausforderungen zu erfassen.

Wissen, wie die Medien funktionieren sowie das eigene Wissen darüber stärken, um deren Auswirkungen auf die Gesellschaft besser zu kennen. Dies waren die Ziele der Europäischen Woche der Medienerziehung. In der gesamten Europäischen Union wurden verschiedene Veranstaltungen zum Thema Medienbildung organisiert. Das Großherzogtum nahm ebenfalls an der Initiative teil. Es ist die ALIA, die unabhängige luxemburgische Behörde für audiovisuelle Medien, die das Projekt auf nationaler Ebene begleitet hat. Wir haben uns mit dem Direktor Romain Kohn unterhalten.

1. Die Europäische Woche der Medienerziehung ist eine neue Initiative der Europäischen Kommission, um die gesellschaftliche Bedeutung von Medienkompetenz hervorzuheben. Was erwarten Sie von diesem Projekt in Luxemburg oder allgemein?

Romain Kohn01Im Bereich der Medienregulierung – das schließt in unserem Fall Fernsehen, Radio, Kino und seit neuestem auch die Video-Sharing-Plattformen ein – ist die Medienbildung schon lange präsent. Schon der CNP (Nationaler Programmrat), die Vorläufereinrichtung der ALIA (Luxemburger unabhängige Medienaufsicht), hatte 2003 eine Konferenz zu dem Thema organisiert. Seit 2010 steht die Medienbildung ebenfalls in der Richtlinie über die audiovisuellen Mediendienste (AVMD). Dennoch war es das Aufkommen der sogenannten Fake News (die im Übrigen gar kein so neues Phänomen sind), das zu einem allgemeinen Aufschwung der Medienbildung führte. Ich hoffe, dass es sich dabei um ein nachhaltiges Interesse handelt und dass die Politik die nötigen Mittel zur Verfügung stellt, um Initiativen insbesondere außerhalb der Schule zu fördern. Wir würden uns jedenfalls freuen, in Zukunft eine institutionellere Rolle übernehmen zu können.


2. Was sind die herausragenden Projekte des Luxemburger Programms gewesen?

Es ist immer schwierig, ein Projekt unter vielen herauszustreichen, denn die Medienbildung lebt von der Vielfalt der Ansätze und Angebote. Eine Initiative war allerdings besonders hilfreich, um die Woche der Medienbildung im Fokus der Aufmerksamkeit zu halten, nämlich die Webseite #sharing, caring or scaring. Dort hatte die Agence nationale pour l’information des jeunes (ANIJ) sämtliche Luxemburger Angebote hochgeladen (https://cij.lu/programme-evenements/). Einige Projekte wurden eigens für die Woche der Medienbildung aufgelegt, andere gehören zum regelmäßigen Programm der Anbieter. Wenn man sich die Webseite anschaut, müsste eigentlich für jeden, der mitmachen wollte, etwas dabei gewesen sein.


3. Die Europäische Woche der Medienerziehung findet offiziell zwischen dem 18. und 22. März statt, obwohl das Ereignis sich durch den ganzen Monat März hindurchzieht. Welche Bilanz ziehen Sie in diesem Moment?

So kurz nach dem Ende der ersten Woche der Medienbildung ist es zu früh, eine Bilanz zu ziehen, umso mehr als die Aktivitäten noch nicht alle abgeschlossen sind. Aber es ist sicher ein Erfolg, dass wir es geschafft haben, die Aktivitäten der einzelnen Anbieter in Luxemburg zu koordinieren. Es ging ja alles sehr schnell. Im Dezember 2018 hat uns die Europäische Kommission im Rahmen der Media Literacy Expert Group (MLEG), in der die ALIA Luxemburg vertritt, über ihre Pläne informiert. Daraus entstand der Wunsch, etwas Gemeinsames in Luxemburg zu machen. Ich habe daraufhin alle Initiativen, die mir bekannt waren, kontaktiert. So kam es zu einer gemeinsamen Pressekonferenz, auf der die einzelnen Projekte vorgestellt wurden. Die große Resonanz in den Medien hat uns angenehm überrascht. Ich hoffe, dass wir diese gute Zusammenarbeit fortführen können und dass weitere Initiativen aus dem Bereich der Medienbildung hinzustoßen.


4. In unserer heutigen Zeit werden mehr und mehr junge Menschen von den unterhaltsamen Informationen (den Soft News) über die sozialen Netzwerke (Facebook, Snapchat, Instagram, ...) als von den traditionellen Medien wie den Zeitungen angezogen. Wie kann man dieses Phänomen erklären?

Die gegenwärtige Mediengesellschaft ist gekennzeichnet von einem Kampf um Aufmerksamkeit. Sämtliche Anbieter, ob Internet-Konzerne wie Google, Facebook oder Twitter oder traditionelle Medienhäuser, die Zeitungen herausgeben, Fernsehprogramme oder Bücher machen, Filme oder Videospiele produzieren, sie alle buhlen um unsere Zeit. Und wir Mediennutzer müssen immer öfter entscheiden, womit wir uns beschäftigen wollen. Hinzu kommt, dass der Journalismus insgesamt an Vertrauen in Teilen der Bevölkerung verloren hat, obwohl ich ihn nach wie vor für unverzichtbar halte, um unsere Welt verstehen zu können. Nicht zu vergessen, dass die Menschen durch die sozialen Medien selbst zu Produzenten von Inhalten werden, d.h. die Zeiten, dass man sich auf dem Sofa berieseln ließ, sind definitiv vorbei. Und das Phänomen der Individualisierung ist auch nicht kleiner geworden. Inzwischen gibt es so viele Nischenprodukte, dass man sich manchmal fragt, wer die eigentlich nutzt.


5. Die Europäische Woche der Medienerziehung richtet sich nicht nur an Jugendliche, sondern auch an Erwachsene. Welche Rolle spielen Letztere?

Es wäre ein Fehler zu glauben, Medienbildung richte sich nur an Kinder. Natürlich sind die jungen Leute das vorrangige Zielpublikum, allein durch die Tatsache, dass sie per Gesetz besonderen Schutz vor schädlichen Inhalten genießen. Ich denke, die Medienbildung hat zwei wesentliche Aufgaben zu erfüllen. Zum einen sollte sie in jeder Hinsicht eine kritische Geisteshaltung fördern, in Bezug auf die Medien und im Allgemeinen. Zum anderen sollte sie die Bürger, unabhängig von ihrem Alter, in die Lage versetzen, die Medien technisch zu beherrschen und möglichst produktiv zu nutzen, d.h. selbst Inhalte herzustellen. Darüber hinaus sollte sie den Menschen einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen, um die Produktionsbedingungen besser zu verstehen, und sie über die Wirtschaftsmodelle der einzelnen Medien ins Bild setzen. Wir dürfen nicht vergessen, die Medien sind die wichtigste Informationsquelle für die Bürger, wenn sie sich im Wahlkampf über Politik informieren. Und nur, wer die Informationen, die er vorfindet, richtig einordnen kann, kann eine gute Wahlentscheidung treffen.


6. Inwiefern unterscheidet sich die heutige Medienerziehung von der vor 20 Jahren?

Der Kulturkritiker Walter Benjamin, den ich sehr schätze, hat in seinem Aufsatz Kleine Geschichte der Photographie aus dem Jahre 1931 darauf verwiesen, dass in Zukunft nicht mehr der Schrift-, sondern der Photographie-Unkundige als Analphabet gelten würde. Ihm ging es nicht darum, dass jeder lernen sollte, den Auslöser korrekt zu drücken, sondern um die Fähigkeit, Photos richtig zu „lesen“. Später kam die Filmsprache hinzu, und in den 1980ern, als das Privatfernsehen in Europa aufkam, wurde die Medienbildung neuerlich bemüht, um die Menschen vor etwaigen Manipulationen durch die neuen Programme zu bewahren. Nun sind es die sozialen Medien, die solche Forderungen entstehen lassen. Als Medienregulierer müssen wir erkennen, dass die durch das Internet entstandenen neuen Kommunikationswege es uns nicht mehr erlauben, für einen vernünftigen Jugendschutz zu sorgen, es sei denn, wir setzen auf verstärkte Medienbildung der Heranwachsenden. Cybermobbing oder Grooming sind außerdem Beispiele von Phänomenen, die es so vor 20 Jahren noch nicht gab und die inzwischen ganz wesentlich zur Medienbildung dazugehören.

 

(Dieser Artikel wurde von der Redaktion von luxembourg.lu verfasst)

  • Letzte Änderung dieser Seite am 02-04-2019