Geschichte

Vor 100 Jahren: Winter 1918, eine Zeit der Umbrüche

Wie haben unsere Urgroßeltern das erste Weihnachtsfest nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erlebt?

Das Jahresende mit seinen Feierlichkeiten steht vor der Tür, und die traditionelle Geschenkejagd steuert mit einem breiten Konsumangebot auf ihren Höhepunkt zu.

Doch 2018 jährt sich auch zum hundersten Mal der Waffenstillstand, der den Ersten Weltkrieg beendete - Anlass dazu, einen Blick zurück zu werfen.

Wie haben unsere Urgroßeltern die erste Friedensweihnacht seit fünf Jahren erlebt?

Keine Festtagsstimmung

Glaubt man den Quellen, so kommt in diesen letzten Tagen des Jahres 1918 keine wirkliche Weihnachtsstimmung auf. Der Erste Weltkrieg ist noch frisch im kollektiven Gedächtnis verhaftet, und tiefgreifende Umwälzungen auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene bereiten der Vorkriegsordnung ein definitives Ende. Die Folgen des Krieges und der erst kurz zuvor beendeten deutschen Besatzung sind immer noch spürbar. Seit Beginn des Krieges leidet die Bevölkerung unter Lebensmittelmangel, Preiserhöhungen, Hungerperioden und schlechten Ernten. Hinzu kommen die Folgen der Spanischen Grippe.

Der Lebensmittelmangel

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© Photothek der Stadt Luxembourg / Théo Wirol

Es steht der Bevölkerung also nicht unbedingt der Sinn nach opulenten Weihnachtsmählern mit Braten, Gänseleber und Lebkuchen. Auch die virtuelle Ausstellung über den Ersten Weltkrieg weist darauf hin:

"Aufgrund der zunehmenden Mangelernährung kam dem Essen auch eine moralische Bedeutung zu. Opulente Mähler und Lebensmittelverschwendung waren verpönt, während die - ohnehin unvermeidliche - Genügsamkeit begrüßt wurde. (...)"

Auch der bekannte luxemburgische Schriftsteller Batty Weber erwähnt in seiner Chronik "Abreißkalender" (erschienen in der Luxemburger Zeitung) den Wunsch der Luxemburger, nach über vier Kriegsjahren zu einer Art Normalität zurückzukehren, wie eine seiner Leserinnen es ausdrückt:

"Herr Abreißkalendermann, [...] schreiben Sie einen von Poesie umdufteten Artikel über den Geruch von Gänsebraten und Leberpasteten, von verbrannten Tannenzweigen und Kerzen, malen Sie ein Bild mit strahlenden Gesichtern, die sich um einen vollbesetzten Tisch versammeln, von Menschen, die nicht mehr an Kriegsgedanken kränkeln, sondern sich ihres und anderer Menschen Lebens wieder freuen können, zeigen Sie uns das Viele, was Sie hinzudichten können, wie eine wunderfeine Fata Morgana."

Batty Webers Antwort fällt folgendermaßen aus:

"Ich meine, sehr geehrte treue Leserin, daß Sie vielleicht recht haben, aber es ist in den Zeitungen noch jeden Tag von Hungersnot und teuern Zeiten die Rede. […] Sie kennen in Ihrer Nachbarschaft sicher ein paar arme Leute, wären es auch nur die Kinder von armen Leuten. Wenn Sie also an Weihnachten Ihre Back- und Bratkünste nach Herzenslust dürfen spielen lassen, dann schicken Sie diesen Armen ein Körbchen voll hinüber. [...].

Die soziale und politische Situation

Einzug der US-Armee in Luxemburg (Quelle: ww1.lu /
Archiv: Nationales audiovisuelles Zentrum - CNA)

Auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene durchlebt das Land eine Phase der Instabilität, mit nicht weniger als fünf aufeinanderfolgenden Regierungen während des Krieges, tiefen Gräben zwischen den politischen Milieus und immer häufigeren Unruhen.

1918, nach dem Abzug der Deutschen, steigen die Spannungen. Streiks und Aufstände häufen sich ebenso wie die Forderungen nach einer Abdankung der Großherzogin Marie-Adelaïde.

International ist Luxemburg isoliert: Während das Großherzogtum die Wirtschaftsunion mit Deutschland (Zollverein) beendet, wird in Paris einer Abordnung der luxemburgischen Regierung ein Empfang durch den französischen Außenminister verwehrt

Schwierige Zeiten und zugleich Hoffnungsschimmer

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© Photothek der Stadt Luxemburg

All diese Tatsachen spiegeln sich auch in der zeitgenössischen luxemburgischen Presse, deren Schlagzeilen nicht von den gewöhnlichen Weihnachtsansprachen beherrscht werden, sondern von den Problemen des damaligen alltäglichen Lebens: Kriegsursachen, politische und wirtschaftliche Lage, Lebensmittelversorgung, Preisentwicklung, staatliche Maßnahmen, Appelle an den Gemeinschaftssinn.

Besinnlichkeit steht an Weihnachten 1918 also nicht an erster Stelle. Zum Wunsch der Rückkehr zu einer Vorkriegsnormalität kommt das Bewusstsein der gerade stattfindenden Umbrüche. Doch das Jahr 1919 wird einen Wendepunkt markieren. Mit der Verfassungsreform von 1919 wird das allgemeine Wahlrecht eingeführt werden und die Staatsgewalt künftig von der Nation ausgehen.

Eine Mehrheit der Bevölkerung wird sich beim Referendum im September 1919 nicht nur für den Beibehalt einer konstitutionellen Monarchie aussprechen, sondern auch für eine Wirtschaftunion mit Frankreich (deren Nicht-Zustandekommen dann jedoch zur belgisch-luxemburgischen Wirtschaftsunion führen wird).

Zugleich werden unter dem Einfluss republikanischer und sozialer Bewegungen grundlegende Sozialmaßnahmen umgesetzt werden, etwa mit der schrittweisen Einführung des Acht-Stunden-Tages. Die Frauen werden Gleichheit mit den Männern erlangen, was die politischen Rechte betrifft.

(Dieser Artikel wurde von der Redaktion von www.luxembourg.lu verfasst)

  • Letzte Änderung dieser Seite am 27-12-2018